Schluss mit hätte, könnte, müsste…

Dafür ist einfach keine Zeit mehr! Wir müssen JETZT handeln. Wir müssen JETZT reagieren. JETZT Vorbild sein und JETZT die Richtung bestimmen.

Seit längerer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, was genau meine Aufgabe im Kampf gegen die Klimakrise ist. Wie ich zur Bewahrung der Schöpfung beitragen kann und will. Wo ich meinen Beitrag leisten kann, diese Erde auch für meine Kinder zu bewahren, zu erhalten.

Vor einigen Wochen habe ich diesen Test gemacht, wie groß wohl mein ökologischer Fußabdruck ist. Kennst Du das, wenn Du plötzlich in einem Buch etwas Beängstigendes oder Erschreckendes liest und Dein erster Impuls darin besteht, die Seite zuzuschlagen? So ging es mir in dem Moment. Uff, dachte ich. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Seitdem rattert es in mir, ohne dass ich groß mit jemandem darüber gesprochen habe. Denn jede Änderung betrifft mich nicht als Einzelperson – meine ganze Familie hängt ja mit dran.

Wie könnten wir uns ernährungstechnisch anders aufstellen? Wo könnten wir Wege mit dem Auto sparen? Wo könnten wir nachhaltiger einkaufen? Was könnten wir hier zu Hause verbessern? Und was davon können wir uns rein praktisch finanziell überhaupt leisten?

Immer, wenn die Gedanken zu konkret wurden, habe ich sie wieder ein paar Tage weiter vor mir hergeschoben. Diese Pandemie hat ja schließlich lautstark gefordert, dass ich alles mögliche über das Internet bestelle. Dass ich uns alle mit gutem und reichhaltigem Essen belohne, wo schon nichts anderes möglich war. Oder war das doch wieder nur mein Kopf?

Tja, und jetzt ist Juli. Die katastrophalen Bilder von diesen Wassermassen bleiben im Kopf und im Herzen. Was kann ich jetzt aktiv tun? Beten. Ja, das tue ich. Aber mit welchem Inhalt soll ich mich eigentlich an Gott wenden? Was erwarte ich denn jetzt von ihm? Ich helfe nach Kräften mit, den Karren vor die Wand zu fahren und er soll es jetzt richten? Nein, das kann wohl kaum mein Weg sein. Aber ich bitte ihn darum, mir Besonnenheit zu schenken. Und mir zu helfen, mich richtungweisend auf den Weg zu machen. Ich bete für all die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Die vor dem Nichts stehen. Die Angehörige verloren haben. Denen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht. Ich bin demütig. Dieses Mal hat es mich nicht getroffen. Aber dieses sonst so erfüllende, warme Gefühl der Dankbarkeit möchte ich mir nicht gestatten. Nicht auf dem Rücken so vieler anderer. Ich möchte so gerne JETZT etwas tun und fühle mich so hilflos.

Die Bundestagswahl, die als irgendwie richtungweisend vor der Tür steht, bereitet mir mehr Kopfzerbrechen, als jemals eine Wahl zuvor. Auch hier habe ich eine Verantwortung. Eine klitzekleine, aber sie lastet so schwer auf meinen Schultern, weil es für mich gerade nicht DIE Entscheidung gibt. Es erschreckt mich, aber ich traue das niemandem der aktuell gegeneinander kämpfenden Parteien und Kandidaten zu. Niemandem. Und jetzt?

Schon wieder ein Fragezeichen. Wo also fange ich jetzt an? Gestern Abend habe ich den sehr emotionalen Beitrag bei Maybrit Illner von Eckart von Hirschhausen gesehen. Das hat mich bis ins Mark ergriffen. Ja, er hat Recht, wir müssen JETZT was tun und wir werden es nur GEMEINSAM schaffen. Wie aber schafft man Gemeinsamkeit, wenn doch so viele hier gerade dabei sind, sich selbst abzuschaffen? Deren offensichtlich einziger Lebensinhalt aus Widerstand besteht? Covid19 – gibts nicht! Impfung – brauchen wir nicht! Klimakrise – ihr habt doch nen Knall!

Es geht schon lange nicht mehr darum, wer der Gute in diesem Spiel ist und wer der Schlechte. Und auch nicht darum, dass sich Wenige über Viele erheben. Es geht um die Erhaltung unserer Lebensgrundlage. Wenn wir diese nicht erhalten, sind Gut und Böse nämlich in absehbarer Kürze egal. Verpufft.

Unser Leben ist kaum ein Atemhauch in der Geschichte der Welt und doch richtet er so viel Schaden an. Warum schaffen wir es nicht, all diese Fähigkeiten in Gutes zu verwandeln? Und warum verschließen wir die Augen einfach vor dem, was sich gerade vor unserer Nase abspielt? Ich habe dieses Bild für den Beitrag ausgewählt, weil er so beeindruckend zeigt, worüber wir sprechen. Viel Wasser. Viel Himmel, wenig Land dazwischen. Nicht einmal ein Drittel des Bildausschnitts. Und doch so unglaublich bedeutend.

Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit über einem Jahr in der Stadt. In Köln. Es war relativ voll. Die Masken spielten nur noch eine begleitende Rolle – lästiges Übel in den Geschäften. Enge, die früher ganz normal war, fühlte sich nicht gut an. Und das nicht nur wegen dieses Virus, sondern einfach, weil da plötzlich viel mehr Misstrauen ist. Wer ist eigentlich mein Gegenüber? Mit welcher Weltanschauung geht er so durch die Welt? Und ich? In der Altstadt pöbelte mich ein Mann an. Ein ungepflegter Mann. Auf einem Niveau weit unterhalb der Gürtellinie. Und ich stand da und wusste nichts zu erwidern. Lange habe ich so etwas nicht erlebt. Und dann stand ich da mit meinem Studium. Soziale Arbeit studiere ich und habe nichts zu erwidern? Das Leben lässt keinen Raum für lange Vorbereitungen. Es passiert JETZT. Und wenn ich jetzt nichts erwidern kann, lasse ich Chancen verstreichen. Chancen, die für meine Kindern wichtig sind. Für mein Leben. Für unsere Erde. Unsere einzige Erde.

Die Kunst der kleinen Schritte – Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) hat dieses Gebet vor so vielen Jahren bereits geschrieben und ich finde es gerade so unglaublich passend:

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin. Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung, schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuß. Laß mich erkennen, daß Träume alleine nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt. Ich weiß, daß sich viele Probleme dadurch lösen lassen, daß man nichts tut. Gib, daß ich warten kann. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“

Und so gehe ich jetzt los. In kleinen Schritten nach vorn, aber nicht wieder zurück. Mit Rückschlägen. Mit Sorgen oder Zweifeln, aber weiter vorwärts. Und am liebsten wäre mir, Du würdest mitgehen. Und Du auch. Und mir helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Zu erkennen, wo ich strauchle. Meine Kraft soll Deine sein. Damit wir gemeinsam JETZT das Richtige tun können. Miteinander. Füreinander.

Ich bin von Gott gewollt. Und DU auch!

Dieser Predigt ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zugrunde gelegt. Vor allem aber 1. Mose 50, 15-21:

Als ich gelesen habe, welcher Predigtext für heute, den 4. Sonntag nach Trinitatis vorgesehen ist, habe ich mich sehr gefreut. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern habe ich vor vielen Jahren als Musical gesehen. Ich muss ungefähr 14 Jahre alt gewesen sein, als mein Vater meine Schwester und mich mitnahm zu unserem ersten Abend dieser Art. Unser erster Musical-Besuch. Alles war so besonders. Die Menschen waren alle schick angezogen, wir waren aufgeregt und warteten ungeduldig auf unseren Plätzen auf den Beginn. Und dann wurde es dunkel und wir erlebten staunend und mitfiebernd einen sehr besonderen Abend, von dem ganz besonders dieses unheimlich tolle, bunte, regenbogenfarbene Kleid von Josef in Erinnerung blieb. Was für ein kraftvoller und guter Text für unseren ersten Live-Gottesdienst, nach so vielen Monaten vor dem Bildschirm. Ich höre den Joseph da auf der Muscial-Bühne fast noch singen:

Die Augen zu, der Vorhang offen,
Ich sah betroffen, was ich längst gespürt.
Weit, weit von hier gab’s Leid und Kummer,
Alles lag im Schlummer
Wie vom Traum verführt.

Ich trug mein Kleid, das goldbemalte,
Sein Muster strahlte wundervoll verziert.
Ein Sonnenstrahl im Osten lachte,
Und die Welt erwachte wie vom Traum verführt.

Ein Schuss aus Klang, ein Fluss aus Licht,
Mein gold’nes Kleid flog außer Sicht

Die Farben flossen fort ins Dunkel, und ich blieb allein.
Doch schaut zurück, seht, was ihr findet!
Das Licht entschwindet wie’s dem Traum gebührt
Die Welt und ich stehn still und hoffen,
Die Augen offen, wie vom Traum verführt.

Was musste Josef nicht alles erleiden. Was lastete da ein Druck auf ihm. Verstoßen, vertrieben von seinen eigenen Brüdern. Hoffnungslos. Und dann sind da diese Träume – was sollen die bloß bedeuten? Und dann verdankt Ägypten diesen Träumen alles. Wohlstand. Überleben. Und ich sehe diesen Josef in seinem bunten Kleid.

Wie passend, dass es jetzt gerade um dieses regenbogenfarbene Kleid geht. Der Regenbogen begleitet auch uns und unseren Alltag gerade sehr. Als Symbol für jene, deren Stimmen nicht für voll genommen werden. Die sich gar nicht erst trauen, ihre Stimmen zu erheben. Wir wollen für Gemeinschaft einstehen. Wir wollen eine Einheit sein. Und ein simples und vereinendes Symbol, ein Regenbogen, bringt Schlimmes ans Licht. Er, der mehr als vieles andere für Vielfalt steht. Für eine Brücke zwischen Regen und Sonne. Für eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, er bringt gerade ans Licht, dass unsere fast perfekt gespielte Einheit gar keine ist? Was stimmt denn da nicht? Wie kann es sein, dass Menschen täglich Erfahrungen mit Diskriminierung machen müssen, sei sie in der Hautfarbe, der Nationalität, der Sexualität oder worin auch immer sonst begründet? Wie kann es sein, dass sich andere darüber erheben und urteilen?

Es ist der Monat der Regenbogen. Pridemonth. Der Monat, der im Zeichen von Diversität und Gleichberechtigung stehen soll. Viele höre ich darüber schimpfen. „Ich habe ja nichts dagegen, aber…“, höre ich. Oder „Muss das denn allgegenwärtig sein? Müssen DIE denn so eine Bühne haben?“  Ich finde JA. Müssen Sie. Weil sie alle Menschen sind. Gottgewollte Menschen. Weil sie oft schon viele Jahre lang mit einer Lüge leben mussten, um ihren Platz in unserer doch so offenen Gesellschaft nicht zu verlieren. Weil sie oft verzweifeln, weil sie mit sich selbst nicht wissen, wohin. Weil es keinen Rat gibt, der einfach anzuwenden wäre und ihr Leben erleichtern könnte. Weil sie einfach Teil unserer Gesellschaft sein sollen und diese ganz offensichtlich noch nicht bereit dafür ist. Und das finde ich schlimm und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich hier in einer so offenen Kirchengemeinde stehen darf. In der jede und jeder willkommen ist, wie er oder sie ist. Das ist nicht selbstverständlich.

Während ich diese Predigt schrieb, lief gerade das Fußballspiel, Deutschland gegen Ungarn, das die Bedeutung des Regenbogens noch einmal sehr mächtig in den Fokus gerückt hat. Vor dem Spiel sind die Diskussionen laut und übel. Ein Stadion, das regenbogenfarbig beleuchtet werden soll. Beleidigungen, Beschimpfungen, Symbole, die jeder für sich selbst so deutet, wie sie gerade in sein Weltbild passen. Fußball hat nicht politisch zu sein. Aber geht es in der Kernaussage dieses Regenbogens wirklich um Politik? Und während sie alle noch diskutieren, ertönt der Pfiff, das Spiel beginnt und der Ball rollt. Auf einmal sind die meisten vereint in fiebrigem Patriotismus. Möge doch das eigene Land Europameister werden. Sieger und Verlierer liegen sich in den Armen, freuen sich gemeinsam, trauern gemeinsam. Fußball vereint in all seiner ihm eigenen Diversität wie nichts anderes. Warum gelingt das nicht auch auf der ganz großen Bühne? Warum gibt es Dinge, die offensichtlich so einschüchternd oder beängstigend auf Menschen wirken, dass sie keine Akzeptanz und erst recht keine Toleranz finden?

Der Predigttext erzählt nun von Josefs Brüdern. Der Vater, vor dem alle gleichermaßen Respekt hatten und der wohl, so liest es sich raus, auch Vermittler zwischen Josef und den Brüdern war, ist tot. Nun haben die Brüder Angst, dass Josef jetzt Rache nehmen könnte. Aber nichts liegt ihm ferner. Josef denkt gar nicht darüber nach, seinen Brüdern Böses anzutun, weil Gott es eben nicht dazu kommen ließ. Weil Gott es gut machte.

Ich lese gerade das Buch eines noch sehr jungen Pfarrers, Gunnar Engel, der in einer kleinen Kirchengemeinde an der dänischen Grenze lebt. Er stellt gleich zu Beginn sehr provokante Fragen. Lebst Du mit einem Glauben, der dich Dinge erleben lässt, wie du sie in der Bibel liest? Lebst Du mit einem Glauben, der dir jeden Tag neu die Allmacht und Liebe Gottes zeigt? Bewegst Du Dich mit der Erwartung durch den Tag, Gott tatsächlich zu begegnen? Egal was kommt? Vertraust Du Gott in den dunklen Tälern Deines Lebens genauso wie in den Höhepunkten? Oder ist Dein Glaube eher eine kleine Garnitur deines eigentlichen Lebens – das Sahnehäubchen auf Deinem Alltag? Oder ist es andersherum: Denkst Du, dass Gott Besseres zu tun hat? Denkst du, dass Du vielleicht erst einiges an Dir ändern müsstest, damit Gott etwas mit Dir anfangen kann? Dass er Wichtigeres zu tun hat, als sich mit Dir abzugeben? Immerhin ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums.

Josef vertraut Gott. In dem dunklen Tal des Verlieses, als er die ersten Träume hat. Durch den Druck des Pharaos. Durch die schweren und schwersten Zeiten seines Lebens. Und jetzt, als die Brüder vor ihm stehen und sein Urteil erwarten, auch da vertraut er darauf, dass Gott es gut macht. Er begegnet Gott in der Art, wie er entscheidet, wie er handelt. Er lässt es zu, dass Gott ihn führt.

Wie also kann nun heute ein friedliches Miteinander gelingen? Im Römerbrief steht es so zeitlos passend geschrieben. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist`s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten spricht der Herr. Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

So viel Ermahnung heute. Aber ist es nicht genau auf den Punkt gebracht? Wir wollen Gemeinschaft. Wir brüsten uns an so vielen Stellen damit, dass wir unsere Entscheidungen doch ihm Sinne der Allgemeinheit getroffen haben. Aber geht es nicht oft viel mehr um Macht als um Gemeinschaft? Viel mehr als wir uns eingestehen wollen? Und ist Macht nicht dieses giftige Gefühl, dass nur für einen Atemzug lang Triumph verschafft und dann doch eher als fader Beigeschmack nachwirkt? Das Böse mit Gutem überwinden muss manchmal vielleicht eine Überwindung, ein Sieg über sich selbst sein. Denn, das ist das Wunderbare daran, dass wir Menschen mit diesem Regenbogen an Gefühlen und Verstand und Gedanken ausgestattet sind: Wir sind an jedem einzelnen Tag frei darin, uns neu zu entscheiden. Uns selbst zu hinterfragen. Uns ganz in Gottes Hand zu geben und darauf zu hören, was er uns sagen will. Wo er will, dass wir wirken. Hier bin ich, sende mich. Gott, zeig mir den Platz, den du für mich vorgesehen hast. Hilf mir, mich richtig zu entscheiden.

Wir können innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen. Und urteilen. Moralisch urteilen. Wir glauben dann sehr gut zu wissen, was gut oder verwerflich ist und tun lautstark oder subtil unsere Verachtung kund. Aber niemand von uns ist ohne Fehler. Jeder von uns bedarf immer wieder der Großzügigkeit und Nachsicht anderer. Und einzig Gott ist es, der richten kann. Und darum ermutigt uns Jesus zum Vergeben. Wer in dem Glauben, in dem Bewusstsein lebt, dass Gott ihm barmherzig entgegenkommt, der kann zumindest versuchen, versöhnt zu leben. Wie zum Beispiel Josef, der seinen Brüdern all das Unrecht, das sie ihm angetan haben, verzeiht. Der es in Gottes Hand gibt. Und ich glaube fest daran, dass auch wir das können. Erst nachdenken und dann handeln. Böses mit Gutem überwinden. Unsere Stimme erheben für jene, die das nicht selbst können. Und zeigen, dass wir bereit sind für eine bunte Gesellschaft. Für eine, in der nicht alle immer einer Meinung sein müssen, aber andere Meinungen neben der eigenen akzeptiert werden. Eine, in der der Glaube an den Gott, der alles gut machen kann, wenn wir ihn nur lassen, nicht das Sahnehäubchen im Alltag ist. Sondern eine, in der Gott uns wirklich begegnen darf. In der wir Dinge wie diesen langersehnten gemeinsamen Gottesdienst, den wir mit Gesang und Gemeinschaft füllen und feiern dürfen, genauso mit Gott gemeinsam durchleben, wie die schweren und dunklen Zeiten, in denen er uns nicht verlässt. Jede und jeder von uns ist so wertvoll und so einzigartig. Schauen Sie sich ihren Nachbarn links und rechts an – wir haben uns so lange nicht live gesehen. Jeder und jede von uns ist wunderbar, weil Gott uns so gewollt hat. Und ist es nicht jeder von uns wert, einen Platz zu haben? Sein Glück zu finden? Und zu wissen, dass Gemeinschaft auch bedeutet, dass jemand eine Stimme hat, wenn man selbst gerade keine hat? Dass sich jemand stark macht, wenn man selbst gerade schwach ist und ängstlich? Ist nicht genau das die Nachfolge Jesu, eben nicht vorhersehbar, sondern barmherzig zu handeln? Gott hat uns ein liebendes Herz gegeben. Und das heißt nicht, dass wir immer alles durch die rosarote Brille sehen sollen. Das heißt auch nicht, dass wir einander in die Herzen sehen können, so wie Gott uns in die Herzen sieht. Das heißt aber, dass wir versuchen können – jeden Tag aufs Neue – nicht nur auf das Äußere zu schauen, sondern unseren Nachbarn und sein Tun mit anderen Augen anzusehen. Mit nachsichtigem und barmherzigem Blick. Gott sieht jeden von uns mit unserer Vielfalt und Einzigartigkeit und wir sollten zumindest versuchen, unsere Herzen nicht davor zu verschließen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Bild von Sharon McCutcheon auf Pixabay
Das zitierte Buch ist „Follower – Wie Gott dein Leben verändert, wenn du ihn lässt“ von Gunnar Engel, SCM Verlag

Dieser liebevolle Blick…

…mit dem ich meine Kinder ansehe. Dieser Blick, der alle Kritik, die manchmal von außen auf uns einströmt, ausblendet. Dieser Blick, der nur den kleinen Menschen sieht. Mit all den Stärken und Schwächen, der genauso gedacht war, wie er jetzt ist und gerade wird. Dieser Blick, der genauso schnell Pfeile in Angreiferrichtung schleudern kann, wenn jemand diese Kinder angreift, oder ungerecht behandelt oder vorschnell verurteilt. Dieser mitfühlende und wissende Blick, wenn diese Kinder zum ersten Mal Dinge durchmachen müssen, die ich auch von früher kenne. Es ist mein Mutterblick. Der, der mich manchmal verklärt und es mir schwierig macht, nicht voreingenommen zu sein. Dieses Wissen, dass ich immer mit einem offenen Ohr für diese Kinder da sein werde. Dass ich für jedes Problem eine Lösung finden möchte. Oder dass ich diese Kinder zumindest begleiten möchte, wenn sie schwierige Wege gehen müssen. Das alles macht Mutter-sein mit mir.

Und irgendwann ist man dann groß. Man braucht ein gutes Selbstbewusstsein, um alle möglichen Worte und Taten an sich abprallen zu lassen. Um Dinge anzugehen, für die man vielleicht nicht so viel Rückendeckung bekommt. Und man vergisst total oft, dass da doch immer jemand ist, der auch mich und Dich noch mit diesem liebevollen Blick ansieht. Weil er mich und Dich genauso wollte, wie wir sind. Mit den Entscheidungen, die wir treffen. Mit den Äußerlichkeiten, die wir manchmal nicht leiden können. Mit den Gedanken, die in unseren Köpfen kreisen. Mit den Zweifeln. Und Ängsten. Mit dem strahlenden Lachen. Mit den starken Händen. Mit den trainierten oder nicht trainierten Muskeln, die uns durchs Leben tragen. Mit dem tollen oder dem nicht so tollen Bindegewebe. Mit den Falten um die Augen, ob vom Lachen oder von den Sorgen. Er sieht mich gerade jetzt mit diesem liebevollen Blick an. In meiner Phantasie zieht er dabei manchmal die Augenbraue ein wenig hoch, aber er bleibt mir liebevoll zugewandt.

Das – mir ganz bewusst gemacht – ist ein großes Geschenk. Denn so darf ich meine eigenen Fehler machen, die mir andere schon prophezeit haben. Wenn ich meine, ich muss das ausprobieren, bin ich trotzdem nicht allein. Gott begleitet mich. Gott ist manchmal der einzige, der mir liebevoll zugewandt bleibt. Ich kann mich noch so allein fühlen, ich falle nie tiefer als in Gottes Hand. Ich mochte diesen Satz nie besonders, weil er oft so gesagt wird, wenn man selbst keine Idee mehr zum Helfen hat. Oder kein Verständnis mehr für den anderen. Man macht es sich irgendwie leicht, wenn man jemand anderem sagt: „Du fällst nie tiefer als in Gottes Hand.“ Zack – ist Mensch raus aus der Verantwortung.

Aber wenn ich da jetzt so weiter drüber nachdenke, ist es einer der tröstlichsten Sätze, die ich mir gerade für mich vorstellen kann. Es lässt mein Herz höher schlagen, wenn ich mir wirklich bewusst mache, dass Gott mich hält und leitet, dass er mir liebevoll zugewandt bleibt und auch die dummen Erfahrungen begleitet.

Wie könnte mein Herz also nicht singen? Wie könnte ich nicht von ganzem Herzen dankbar sein für dieses Leben, das er mir geschenkt hat? Ich darf Fehler machen. Ich darf straucheln. Ich darf wieder aufstehen und weiter gehen. Und all das nie allein, auch wenn die Menschen an meiner Seite vielleicht nicht immer mitgehen. So abstrakt das für manchen auch klingen mag – für mich war es die tröstlichste und beste Erkenntnis eines Tages, der geprägt war von Gedankenschwere, Ungeduld und ein wenig Wehmut. Er klingt jetzt um einiges froher aus, dieser Tag…

Von Steinen und Gesang und was sie mit Gemeinschaft zu tun haben.

Zugrunde liegt Lukas 19, 35-40

Wenn ich Sie und euch jetzt bitten würde, einen kleinen Moment, vielleicht eine Minute still zu sein – was hören Sie? Was hörst Du? Welche Geräusche sind um Sie, um Dich herum? – Ich komme darauf später noch zurück.

Gelobt sei, der da kommt, der König in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! – Das erklang dort, am Fuße des Ölbergs. Die Jünger brachten ihr Gotteslob mit lauten Stimmen und voller Freude zum Ausdruck und wurden von den Pharisäern in die Schranken gewiesen. Oder vielmehr erwarteten die Pharisäer, Jesus möge doch seine Jünger zurechtweisen. Ihrer Freude Einhalt gebieten. Und Jesus sagt: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Wenn ich mir das vorstelle, bildlich vorstelle, dann sehe ich Menschen, die laut singen. Die über Wunder sprechen, die sie selbst mit Jesus erlebt haben. Sie sind fröhlich und laut und aufgekratzt. Sie erzählen von Gott, davon dass Gott Jesus geschickt hat, davon, dass Gott der Größte ist. Aber genau das wollen sie nicht hören, die Pharisäer. Und Jesus sagt: Wenn es die Leute nicht rufen würden, dann würden es die Steine tun.

Was für ein Satz. Erst wenn man ihn wieder und wieder liest, wird einem bewusst, was dort steht. Wenn es die Leute nicht rufen würden, dann würden es die Steine tun.

Was ist ein Stein? Natürlich gibt es – wir leben in Deutschland – für die Definition „Stein“ eine DIN-Norm. Steine sind demnach Objekte, die größer sind als 63 mm – laut Korngrößenklassifikation. Es gibt verschiedene Sonderformen von Steinen – 12 um genau zu sein. Geschiebe zum Beispiel nennt man die Steine im Strombett der Gewässer, nicht zu verwechseln mit Moränen, die zwar auch Geschiebe sind, aber nur in den Ablagerungen eines Gletschers.

Als sprechende Steine wiederum werden mancherorts Grab- oder Gedenksteine und Stelen bezeichnet, deren Inschriften vom Leben Verstorbener erzählen oder Bibelzitate enthalten.

Aber das meint Jesus nicht. Jesus sagt, dass das, was die Jünger, die feiernde Menge zu sagen hat, so wichtig ist, dass es laut und durchdringend durch die Straßen klingen soll. So dringend, dass – gäbe es niemanden mehr, der es sagen könnte – selbst die Steine davon erzählen würden. Es herausschreien würden. Dann ist die Erzählung zu Ende. Aus. Sie bricht ab. Hier, an ihrer Grenze kommt sie zum Stehen. Ein monströses Bild: Schreiende Steine. Was soll danach auch noch kommen? Alles andere als harmlos ist dieses Bild. Nicht wie ein gemaltes Bild – eher wie ein Hörbild. Aufs Trommelfell gemalt, hineingedrückt in eine überforderte Einbildungskraft. Stellen Sie sich vor: Hier, an diesem Ort, in unserer Christuskirche. Stein an Stein auf dem Boden. Stein auf Stein an den Wänden, aus Steinen das Dach. Tausende von wohlgefügten und wohlgefugten Steinen. Selbst ein kaum hörbares Knirschen, Knacken, Reiben: es würde sich aneinanderreihen, übereinanderschichten, auftürmen zu lautem Klang, Klangkaskaden, Klanggewittern. Und dann erst: Schreien. Nicht auszumalen, nicht auszuhalten. Es glaubt hoffentlich niemand, dass es erträglicher wäre, würden die Steine singen. Nein, das Bild bleibt monströs. Es übersteigt sich selbst. Man möchte es sich gar nicht vorstellen.

Steine in einer bestimmten Form, nämlich der des Felsen, sind in unserem Sprachgebrauch sehr häufig dabei. „Da ist mir aber ein Fels vom Herzen gefallen“. Oder: „Das war mein Fels in der Brandung“. Starke, unerschütterliche Steine. Lasten, die sie mit sich fortnehmen, oder festhalten. Sie hören alles. Ertragen fast alles. Stoisch. Wir können sie zwar klein kriegen. Mit aller Gewalt. Immer kleiner und kleiner, bis nach der DIN Norm vielleicht nur noch ein winziges Stückchen Schluff oder Silt – das ist die Bezeichnung für feinste Steinchen mit einer Größe von weniger als 0,063 mm – übrig bleibt. Aber sie verschwinden nie ganz. Ist das der Grund, warum Jesus ausgerechnet von Steinen spricht?

Haben wir nicht mit unserem Oster-Projekt auch schon Steine sprechen lassen? Die Osterbotschaft von Kindern und Jugendlichen auf Steine gemalt? Bunt? Fröhlich?

So fröhlich wie der Gesang, der da am Fuße des Ölberges zu hören war. Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Und nun feiern wir heute diesen 4. Sonntag nach Ostern. Kantate heißt er. So fest habe ich mir vorgenommen, heute nicht über Corona zu sprechen und dann ist dieser Sonntag Kantate. Auch wenn bei mir aus dem Lateinunterricht nicht viel hängengeblieben ist, so weiß ich doch, dass cantare singen bedeutet. Fröhlicher Gesang soll ertönen. Wie eben damals am Fuße des Ölbergs.
Und was bedeutet es, wenn es an Kantate still bleibt? Wir nicht miteinander singen? Nicht aus Leibeskräften hier stehen und von unserer Freude über Jesu Auferstehung oder unserem Dank für die Schöpfung oder einfach zum Lobpreis für unseren himmlischen Vater singen? Nun ist das für uns hier natürlich übertrieben – es bleibt ja nicht still, denn für uns singt ja unsere Sängerin und unser Sänger und füllt so wunderbar das aus, was wir zusammen derzeit eben nicht können, aber Sie und ihr wisst was ich meine, wenn ich von Stille rede. Er gehört doch zu uns, dieser gemeinsame Gesang. Ein Lied, das Trauernden die Tränen löst oder das Lied, das uns einfach tief ins Herz eindringt. Musik lässt ja niemanden unbewegt. Gesungener Dank der Geretteten, das mächtige Loblied der Geschöpfe Gottes. Das besänftigende Harfenspiel und der mutige Gesang, der selbst Kerkermauern sprengt – vielfältiges, vielstimmiges Lob Gottes. Denn dort, wo sein Name so besungen wird, dort ist Gott ganz nah. Kein Bereich des Lebens soll von diesem Gesang ausgeschlossen sein. Musik, Gesang verändern uns. Der Lobgesang macht uns zu stärkeren, liebevolleren, dankbaren Menschen. Und wir haben auch hier unseren Weg gefunden. Miteinander. Jeder singt doch für sich, könnte man jammern, aber nein, wir singen zusammen. Jeder für sich und doch zusammen. Und heute vielleicht sogar noch ein bisschen lauter. Die Nachbarn sollen es ruhig auch hören.

Wir haben so viel mehr als noch vor einem Jahr. Da herrschte wirkliche Stille. Bedrückende Stille. Wie schön ist es doch, dass wir diese Form von Gemeinschaft gefunden haben. Das sie uns gefunden hat. Das wir uns haben finden lassen. Perfekte Imperfektion.

Es wird Frühling. Endlich – will man sagen. Die Sonne scheint immer öfter. Scheint sie nun allem zum Trotz oder uns zum Trost? Oder eben einfach, weil nunmal Frühling wird? Udo Jürgens hat es so schön – und seit dem letzten Jahr so untrennbar mit Corona – besungen: Immer, immer wieder geht die Sonne auf…

Und so rede ich über Corona, weil es nun einmal derzeit dazu gehört und es klingt gar nicht nach Jammern. Nein, denn wir haben unsere Wege gefunden. Die Gemeinschaft, in der auch heute jeder in seinem Wohnzimmer oder Arbeitszimmer oder wo auch immer Sie sitzen, lauthals singen kann. Zusammen. Wege, in denen die Steine für uns oder zu uns sprechen. Als Ostersteine. Oder als Oberberg Stones. Als kleine Fundstücke am Wegesrand, die uns ein Lächeln auf die Lippen legen.  Als schützendes Haus, als Straße, als Kirche, die beständig und zuverlässig im Ortskern steht und ihr hoffnungsvolles Läuten jeden Tag hören lässt.

Und über allem ist da unser großer Gott, dem wir unsere Lieder singen sollen und wollen und werden und der uns jederzeit, wann immer wir ihn brauchen, ein Fels in der Brandung war, ist und sein wird.

Von Eberhard Jüngel stammen diese Zeilen:

Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt,

dann war sie damals,

dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit:

Zur Begrüßung des neuen Menschen,

über den der Tod nicht mehr herrscht.

Das müsste freilich eine Musik sein –

Nicht nur für Flöten und Geigen,

nicht nur für Trompeten, Orgel und Kontrabass,

sondern für die ganze Schöpfung geschrieben,

für jede seufzende Kreatur,

so dass alle Welt einstimmen

und Groß und Klein, und sei es unter Tränen,

wirklich juchzen kann,

ja so, dass selbst die stummen Dinge und die groben Klötze mitsummen und

mitbrummen müssen:

Ein neuer Mensch ist da,

geheimnisvoll und allen weit voraus,

aber doch eben da.

Erinnern Sie sich, als ich eingangs fragte, was Sie wohl gerade hören, in dem Raum, in dem Sie sitzen? War es Vogelgezwitscher? War es Straßenlärm? War es das Rauschen im Kopfhörer? Oder der Atem von Hund oder Katze? Kinderlachen oder Streiterei?

Dann würde es in den eben gehörten Zeilen vielleicht anders stehen. Zusätzlich. Als eben diese Zukunftsmusik, zu der auch wir gehören. Wir sind diese Zukunftsmusik – ist das nicht unglaublich tröstlich? Hoffnungsvoll? Und ist es nicht faszinierend, wie wunderbar Ostern wirkt?

Wenn Sie möchten, finden Sie diesen Psalm von Eberhard Jüngel im Bogengang zum Mitnehmen, wenn Sie hier an der Christuskirche vorbeikommen. Als Erinnerung daran, dass wir alle Teil dieser Zukunftsmusik sind. Was auch immer wir für Musik hören. Als Musik empfinden. Als Erinnerung daran, dass selbst der kleinste Stein seine Bedeutung hat. Und daran, dass eben jeden Tag die Sonne wieder aufgeht. Denn Kirche ist weit mehr, als die Steine, aus denen sie erbaut ist. Kirche immer unsere Verbindung zum Himmel. Kirche bist auch Du. Und Sie. Jeder von uns. Ob er oder sie hier nun Schutz sucht oder Ermutigung. Und egal wie unbedeutend und klein wir uns manchmal fühlen, egal wie laut oder still wir sind: Kirche lebt, weil Steine aufeinanderpassen. Weil es hier für jeden einen Platz gibt. Weil Steine und Menschen Kirche formen, sich ineinanderfügen – Gebäude und Gemeinschaft. Weil Du da bist. Sie da sind. Und ich. Weil ein neuer Mensch da ist. Uns weit voraus. Aber doch eben da.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay

Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.