10 Jahre und doch nur ein Atemzug

Den heutigen Beitrag widme ich Dir. Meiner kleinen Schwester. Dir, die Du mein Leben wie kein anderer begleitet hast. Die Du mir wie kein anderer Dinge sagen konntest und es auch gnadenlos getan hast. Dir, mit der ich unfassbar lustige Erinnerungen verbinde. Aber auch die schlimmsten Geschwisterstreitereien, die ich mir vorstellen kann. Ich glaube, wir haben einen Gefühlsreigen der besonderen Art aufs Parkett gelegt, Du und ich. Und Mama und Papa oft zur Weißglut getrieben mit unseren Streitereien. Wir hatten Hochs und Tiefs, haben uns total gut verstanden und dann wieder gar nicht. Haben einander nachgeeifert, wollten uns übertrumpfen und überrunden. Du hast, obwohl Du die Jüngere warst, mit Deinen Ellbogen oft Wege freigeräumt, von denen ich nicht einmal wusste, dass man auf ihnen laufen kann. Du warst mutig und lebenslustig und dann wieder in Dich gekehrt und traurig. Du bist Deinen Weg mit allen Steinen und manchmal Felsen, die sich da plötzlich im Weg auftaten so konsequent gegangen. Manchmal habe ich Dich bewundert, manchmal, seltener, Du mich. Ich habe es Dir nicht oft genug gesagt, als Du noch da warst. Denn woher hätte ich wissen sollen, dass Deine Reise vor meiner beendet sein würde? Aber ich habe Dich immer von Herzen geliebt. Und tue es noch. Du bist ein Teil von mir und wirst es immer bleiben, bis wir uns irgendwann wiedersehen und ich Dir für damals und Du mir für all das was ich hier in der Zwischenzeit verbockt habe die Ohren lang ziehen kann.

Und plötzlich sind 10 Jahre rum. 10 Jahre bist Du nicht mehr da. Immer noch habe ich oft das Gefühl, Du müsstest gleich um die Ecke kommen.

Auf früheren Fotos habe ich uns manchmal auf den ersten Blick verwechselt. Das ist jetzt vorbei, denn vor mir macht die Zeit nicht Halt. Ich bin gnadenlos älter geworden. 10 Jahre. Du nicht. Du bleibst in meiner Erinnerung immer die, mit der ich noch vor einer Woche beschlossen hatte, dass wir uns jetzt wieder öfter treffen. Dass wir die Meinungsverschiedenheiten der letzten Wochen hinter uns lassen und wieder durchstarten. Die, die da so fröhlich und gut gelaunt in die Kamera lacht, denn Dich hat die Kamera aus irgendeinem Grund immer geliebt, während ich mit ihr auf Kriegsfuß bleibe.

Ich habe mit so vielem gehadert in den letzten Jahren. Habe mir Dich so oft als Gesprächspartnerin gewünscht. Weil Du eben einzigartig im Kopfwaschen warst. Wie oft wäre ich mit Dir und den Kindern gern zu Ikea gefahren oder hätte Dich und Deine verrückten Ideen in der Gestaltung von Kinderzimmern gebraucht. Eben all die Dinge, nach denen ich selten frage, die Du aber eben einfach gemacht hast. Wer käme schon außer Dir auf die Idee, abends um 10 Uhr auf der Matte zu stehen und einfach mal die Wohnung umzuräumen.

Wie anders ist das Leben geworden. Wie anders der Blick auf verschiedene Dinge. Jemand hat es als eine Art Vorfreude beschrieben. Eine langfristige Vorfreude. Dich wiederzusehen. Irgendwann. Und ja, das ist es. So sehr ich mein Leben hier liebe, so sehr freue ich mich, wenn ich Dich wiedersehe. Weil Du eben ein Teil von mir bist. Und immer sein wirst.

Heute werden Sie wieder zu Dir hochsteigen, die Ballons mit unseren Wünschen. Unseren Gedanken. Unserer Traurigkeit aber auch all der Liebe und Freude. Jeder von uns hängt seinen Gedanken und Erinnerungen nach, die wie ein Schatz in unseren Herzen eingeschlossen sind. Manchmal leicht und manchmal tonnenschwer.

Die Kinder, die Dich nicht kennenlernen durften, fragen oft nach Dir. Und wenn ich dann von Dir erzähle, sind auch sie traurig, dass sie nicht die Chance haben, all die verrückten Dinge mit Dir zu erleben. Denn Du bleibst ja die, die Du warst, vor 10 Jahren.

Kleine Schwester, ich werde Dich für immer vermissen und niemals auch nur eine Erinnerung an Dich gehen lassen. Du lebst in uns weiter und ich hoffe, dass Du das weißt. Und ich bin dankbar für jede einzelne Minute mit Dir, auch wenn ich mir immer noch wünsche, es wären noch so viele mehr geworden.

Für immer

Deine große Schwester

Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.

Palmsonntag – Mutig vorangehen

Dem Text zugrunde liegt Jesu Einzug in Jerusalem am Palmsonntag – Mattäus 21, 1-11

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. Das ist der Predigttext aus Hebräer 11, 1-2 Oder einfacher ausgedrückt: Wie geht das jetzt überhaupt, mit dem Glauben? Glauben bedeutet, dass man auf etwas hofft und ganz fest darauf vertraut, dass es auch passiert. Und dass man Dinge einfach weiß, obwohl man sie nicht beweisen kann.

Wenn ich darüber nachdenke, beginne ich viele Sätze mit der Phrase „ich glaube,…“. Und mir fällt mir auf, dass das schon stimmt. Wenn ich zum Beispiel sage: „Ich glaube, dass das Wetter morgen schön wird“, habe ich tatsächlich meine Hoffnung in diesen Satz gelegt. Aber in diesem so umgangssprachlichen „ich glaube“ schwingt immer die Unsicherheit mit. Weil ich nämlich überhaupt nicht sicher weiß, oder nicht keinen Zweifel daran habe, ob das auch so eintritt und ob das so passiert. Aber ich weiß ohne Zweifel, dass ich ziemlich oft „ich glaube…“ sage, ohne, dass es etwas mit meinem christlichen Glauben zu tun hat.

Heute ist Palmsonntag. In der Schriftlesung haben wir gehört, wie Jesus nach Jerusalem kam. Wie er empfangen wurde. Wie er – ganz im Gegensatz zu allen anderen Geschichten, die wir über Jesu Wirken und Auftreten kennen – auf einem Eselfohlen ritt. Wie sich etwas, das 500 Jahre zuvor bereits prophezeit worden war, bewahrheitete. Jesus ritt durch eine ihn feiernde Menge.

Jesus, dieses Bindeglied zwischen Gott und Mensch, die Mitte um die wir mit unseren Fragen und Sorgen genauso schwingen, wie die Menschen in Jerusalem mit ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Jesus lässt uns erkennen, wie Gott uns gemeint hat. Wie es einmal mit uns allen werden wird. Er ist das Gewissen unserer Welt. Er selbst hat gesagt: Ich bin der Weg. Aber ist er nicht auch die Brücke, das Haus, das Schiff? Die Zeit, die Krise, die Freiheit, die Freude?

Was muss da in ihm vorgegangen sein bei diesem Einzug in Jerusalem? Ging es doch bei ihm nicht um Glauben, sondern um Wissen. Er wusste, was geschehen wird. Er wusste, was er würde durchleiden müssen. Er wusste, was ihn erwartet. Viele sehen in diesem Bericht die Freude der Menschen in Jerusalem – und die war ganz sicher immens. Jubelschreie, Willkommensrufe, echte Freude, Hoffnung.

Ich sehe aber viel präsenter, fast greifbar, unheimlich viel Mut. Jesus hatte so viel Mut. Der Prophet Sacharja hatte angekündigt, ein König werde kommen, er werde auf einem Esel reiten und so tut Jesus genau dies: Er beansprucht die Rolle des Königs und geht nicht wie immer sonst zu Fuß, sondern er reitet auf einem Esel ein. Kann er da in diesen Momenten überhaupt klar denken? Ist das einfach alles ins Rollen geraten, was nun einmal geschehen muss und er muss nun einmal dadurch? Wie ist das wohl für ihn? Wie geht es ihm da jetzt gerade?

Wenn ich darüber nachdenke, wann ich besonders mutig sein musste, weiß ich, dass dem voraus sehr oft Angst gegangen ist. Sorge. Was ist, wenn…? Schnelle Atmung, Herzrasen. Dann der Moment, in dem ich mutig sein muss. Schaffe ich es und mache es einfach oder lasse ich diesen Adrenalin-Moment vergehen und mache es nicht, mit dem Gefühl versagt zu haben, feige gewesen zu sein? Es sind wenige Sekunden, in denen ich die Entscheidung zwischen Mut und Rückzug treffe und erst im Rückblick gesehen kann ich das dann verstehen. Bewerten. Zuordnen.

Wenn ich darauf schaue, auf das, was da vor Jesus lag, bewundere ich diesen Mut noch viel mehr. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er das alles für mich auf sich genommen hat. Für mich und Dich. Für uns. Für das Leben.

Meine Mut-Situationen sind ja ganz andere. Und jeder von uns hat ein anderes Mut-Empfinden. Was dem einen fast schon tollkühn-mutig vorkommt, ist für den anderen kaum ein Schulterzucken wert. Der Eine braucht Mut für bestimmte Gespräche, die Andere für bestimmte Entscheidungen. Mut, etwas Neues zu beginnen und Mut, etwas durchzuhalten. Mut, seine Meinung zu vertreten und manchmal sogar Mut, von der Zukunft zu träumen. Und das ist gut, denn nicht jeder von uns muss jeden Weg beschreiten, nicht jeder muss allen Mut in sich bündeln – wir können unseren Mut aufteilen und uns gegenseitig helfen, mutig zu sein. Wir können uns mit gegenseitiger Hilfe und Zuspruch und Unterstützung unsere Leben schon ganz schön erleichtern.

Denn unser Leben plätschert nicht einfach so dahin. Dazu ist es viel zu kostbar, dieses uns geschenkte Leben. Es gibt so viele Dinge an diesem zerbrechlichen Konstrukt, die wir mit unserem begrenzten Verstand nicht begreifen können. Es gibt so vieles, was uns in nichts als Staunen versetzt, wenn wir es zu ergründen versuchen. Kommt ein Baby auf die Welt, staunen wir nicht selten über die Perfektion menschlichen Lebens. Neuen Lebens. Geht ein Leben zu Ende schauen wir ehrfurchtsvoll zu der Schwelle, die auch wir eines Tages überschreiten werden. Und wir begreifen es doch nicht.

Wenn ich meine Kinder in die Schule bringe und meine Hunderunde anhänge, komme ich an einem noch recht frischen Kreuz am Straßenrand vorbei. Es bewegt mich. Es passiert dort viel. Fotos werden aufgehängt, Erinnerungen niedergelegt. Und an einem Morgen schwebt dort ein Luftballon. Happy Birthday steht darauf. Sonst bin ich jedesmal berührt, wenn ich vorbeigehe. Dieses Mal bleibe ich stehen und lasse meine Tränen, die da kommen, einfach laufen. „Ein erstes Mal“, denke ich. Ein erster Geburtstag ohne. Ein erstes Fest, ein erstes Ereignis, ein erstes Mal von so vielen ersten Malen, die noch kommen werden. Wieviel Mut erfordert das Leben manchmal… Lebensmut.

Jesus vertraut bei seinem mutigen Weg durch die freudige Menge auf Gottes Versprechen und dieses Vertrauen gibt ihm wohl den Mut für jeden Schritt und jedes Wort.

Vielleicht erkennen wir in diesem schweren Gang auch einiges, was uns nun schon so lange bewegt. Sehnsucht, dass Einschränkungen gelockert werden können. Hoffnung, dass Politiker und Wissenschaftler nicht aneinander vorbeireden und uns noch ratloser zurücklassen, sondern einen guten Weg finden, Gesundheit und Bewegungsfreiheiten ganz langsam miteinander zu verbinden. Und Mut, diesen Weg weiter zu gehen. Aber was haben wir auch für eine Wahl?

Damals mussten die Menschen begreifen, dass es nicht so kommen sollte, wie sie geglaubt hatten. Jesus wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde gekreuzigt und stand vom Tode wieder auf. Er veränderte die Welt. Auch wir werden uns verändern durch diese Krise. Unsere Hoffnungen verändern sich. Und wir brauchen ganz schön viel Mut. Diese Krise kostet uns Kraft. Wir hören jeden Tag neue Meldungen rund um die Pandemie, aber da sind auch noch so viele andere Nachrichten. Die Wirtschaft, das Klima, das Gesundheitswesen… und bei all diesen Nachrichten haben wir die Landesgrenze noch nicht einmal überschritten… Es ist bedrückend, aber wir sind nicht machtlos. Wir brauchen „nur“ Mut.

Und ja, es erfordert viel Mut. Aber wir sind auf diesem Weg nicht allein. Jesus hat den Weg für uns gebahnt. Er ist durch die Tiefen des Leidens, durch den Tod und weiter in ein neues Leben gegangen. Er hat den Weg für uns beschritten und je mehr ich darüber nachdenke, umso froher wird mir ums Herz: Denn ja, ich glaube fest daran, dass er mich am Ende mit offenen Armen erwarten wird. Und dass sich jeder noch so steinige Weg lohnt. Ich zweifle nicht an diesem unglaublichen Leid, das Jesus doch für mich ertragen hat.

Aber – ja, es gibt ein Aber: Ich brauche Hilfe, um mutig zu sein. Um den Adrenalin-Moment in die richtige Richtung zu drehen. Ich brauche Hilfe um zu erkennen, wann ich mutig sein muss oder darf und wann ich vielleicht zu tollkühn bin. Wir gehen auf Ostern zu. Es geht darum dass das Leben den Tod besiegt. Aber erst einmal müssen wir das aushalten. Mutig aushalten, dass es das Leid gibt, damit wir wirkliche Hoffnung spüren und davon reden können.

Dietrich Bonhoeffer schrieb dazu: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Von Stufen und Fasten

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dieses Gedicht Hermann Hesses fesselt mich schon seit Langem. Es wird so oft nur diese eine Zeile zitiert: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Manchmal reicht diese Zeile aus, damit ich mich schlecht fühle, wenn ich einem neuen Anfang eben nichts Gutes abgewinnen kann. Manchmal spornt sie mich an, den Neuanfang so zu betrachten, dass ich vielleicht doch etwas Gutes finden kann. Aber manchmal brauche ich dann den ganzen Text. Und für mich persönlich passt er gerade jetzt ganz wunderbar in die Fastenzeit.

Wir leben seit über einem Jahr mit Covid19. Einem Jahr voller Entbehrungen, Verzicht, Angst und Sorge. Einem Jahr, in dem wir an Grenzen gestoßen sind. Vieles neu machen mussten. Anders denken mussten. Wir waren und sind alle allein mit einer Situation, in der wir niemanden um Rat fragen können. Experten, die unterschiedlicher Meinung waren und sind. Unterschiedlichste Ansätze. Verschiedenste Vorschläge. Jeder für sich musste und muss entscheiden, wem er Vertrauen schenkt. Hatespeech im Netz, Demonstrationen für oder gegen – Hauptsache laut werden. Ein Jahr, das wir still wie nie und doch ungewöhnlich laut verbringen mussten. Ein Jahr, das so sehr gezeigt hat, dass viele von uns gewohnt sind, mit dem Strom zu schwimmen. Sich nicht eigenverantwortlich durch die Flut von Informationen wühlen können oder wollen; nicht allein herausfinden möchten, was vertrauenswürdig ist und was nicht.

Und dann auch noch fasten? Ja. Ich ganz persönlich finde, dass es dringend nötig ist. Ich jammere über Entbehrungen. Ich klage darüber, dass mein Leben doch so schön war und es jetzt nicht mehr ist. Und ich finde, es ist an der Zeit, mir bewusst zu machen, was ich eigentlich alles habe. Wofür ich jeden Tag dankbar sein kann. Bewusst auf Dinge zu verzichten, die mich ganz persönlich aus meiner Wohlfühlzone locken. Ich lebe jeden Tag so selbstverständlich auf dieser Erde, die so liebevoll geschaffen wurde. Lebe dieses Leben, das so einzigartig und so vergänglich ist, oft so nebenher. Bin mir meiner Einzigartigkeit oft gar nicht bewusst. Im Gegenteil. Hier passt mir etwas nicht und dort – viel zu schnell passe ich mich auch hier an Dinge an, die gemeinhin als Schönheitsideal angesehen werden und vergesse, dass es einen Sinn hat, dass ich bin WER ich bin und WIE ich bin. Und dafür möchte ich mir die Zeit nehmen. Ich möchte die Verbindung zu dem, der mich geschaffen hat, vertiefen. Wieder finden. Ich möchte Dinge bewusst tun oder nicht tun. Ich möchte sie verlassen, diese meine jammernde Komfortzone. Mich wieder finden und mit dem mir geschenkten Verstand das tun, wofür ich hier bin.

Und so bin ich dann bereit zum Neuanfange. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Bilder im Kopf

Seit sehr langer Zeit habe ich diese, meine eigene Webseite im Kopf. In meinem Gedanken habe ich schon so viele Bilder und Gedanken mit der Welt geteilt, sie aber dann doch immer für mich behalten. Ich habe sehr lange immer an die Zeit DANACH gedacht. Jetzt ist DANACH, aber so komplett anders, als ich es mir erdacht, erträumt und erhofft hatte. Ich bin angekommen. In der Realität. Und langsam muss ich nun meinen Weg finden. Eben raus aus dem Kreisverkehr.
Was ist denn nun anders? Was ist dieses DANACH?
Ich habe sehr lange einen Job gehabt, der mir – und dafür werde ich immer dankbar sein – ein sicheres und gutes Einkommen gebracht hat. Nette Kollegen. Ein gutes Team in einem soliden und gesunden Unternehmen…
…in das ich einfach von der ersten Minute an nicht hineingepasst habe. Ich habe dort immer in Teilzeit gearbeitet. Mit mal mehr, mal weniger Überstunden. Die Arbeit war meist ziemlich stupide. Und das meine ich nicht abwertend. Es war eben eine Fließbandarbeit ohne Fließband. Jeden Tag das gleiche. Ich habe so sehr geträumt, etwas anderes zu machen. Nach einer Auszeit 2018 in Form einer Kur habe ich endlich geschafft zu formulieren, was mir nie gelungen war: ich wollte nicht einfach einen anderen Job, sondern nochmal ganz neu anfangen. Viele Überlegungen was mir liegt, vor allem am Herzen, was mich umtreibt und was ich mir vorstellen kann. Im Wintersemester 2019 war es dann soweit: Ich war eingeschrieben. Immatrikuliert. Mit 38 Jahren. Berufsziel: Sozialarbeiterin und evangelische Diakonin.
Ich hatte bei meinem Arbeitgeber mit offenen Karten gespielt und mich parallel zu Studienbeginn auch auf die Jobsuche begeben. Lügen, Versteckspielen… dergleichen liegt mir nicht. Daher habe ich alle immer auf Stand gehalten und irgendwie weitergemacht.
Und dann kam Covid-19. Kurzarbeit. Homeoffice. Homeschooling. Selten oder wahrscheinlich nie zuvor habe ich vor solchen Herausforderungen gestanden.
Der langen Rede kurzer Sinn: Im September bekam ich die Kündigung. Ruhe. Irgendwie. Ein riesiger Felsklotz fiel von meiner Seele.
Aber die erhoffte Erleichterung, die nun natürlich auch mein Umfeld erwartete, blieb aus. Was genau hatte ich denn nun auch gewonnen? Es spielte und spielt sich ja immer noch alles zu Hause ab. Wie findet man heraus, wo man gern arbeiten möchte, wenn an den wachen 17 von 24 Stunden immer jemand um einen herum ist? Wenn plötzlich die Zeit für eigene Gedanken, Träume und Wünsche gar nicht mehr da ist? Wenn die Zeit zum Lernen und für Vorlesungen mühsam abgezwackt werden muss?
Das versuche ich im Moment immer noch herauszufinden. Arbeitslos bin ich nun also gerade. Und kaum ein Wort fühlte sich für mich selbst jemals so falsch an. Ich bin nicht arbeitslos. Ich unterrichte meine Zwillinge zu Hause. Ich studiere von zu Hause. Ich mache mein Praktikum in meiner Kirchengemeinde studienbegleitend. Ich habe Haushalt, Haus und Garten. Aber ich bin gerade eben nicht erwerbstätig. Das fühlt sich schlecht an. Und das war nicht mein ursprünglicher Plan. Aber so ist das eben. Wo in der Erinnerung früher mal eine Ampelkreuzung war, an der es zu entscheiden gilt, ob man links oder rechts abbiegt, ist nun eben ein Kreisverkehr. Und da treibt einen niemand zur Eile, sich für eine Ausfahrt zu entscheiden. Und da stecke ich nun gerade. Mitten drin. Der Tank ist noch ziemlich voll – die Verpflegung reichlich. Aber in greifbarer Zukunft sollte ich die Ausfahrt kennen…

Hallo Welt!

Die Begrüßung habe ich jetzt 17 mal geändert und bin dann doch dabei geblieben. Hallo Welt. Da bin ich. Und sicher, bei all den vorhandenen Blogs und Webseiten hat sie genau auf meine Seite noch gewartet, diese Welt.
Lass dich gern überraschen, was dich hier erwartet und ob meine kleine Welt irgendwie relevant für deine ist. Ich freue mich jedenfalls, dass DU hier bist und hoffe, DU hast Lust zu bleiben und wiederzukommen.

Deine Amelie