10 Jahre und doch nur ein Atemzug

Den heutigen Beitrag widme ich Dir. Meiner kleinen Schwester. Dir, die Du mein Leben wie kein anderer begleitet hast. Die Du mir wie kein anderer Dinge sagen konntest und es auch gnadenlos getan hast. Dir, mit der ich unfassbar lustige Erinnerungen verbinde. Aber auch die schlimmsten Geschwisterstreitereien, die ich mir vorstellen kann. Ich glaube, wir haben einen Gefühlsreigen der besonderen Art aufs Parkett gelegt, Du und ich. Und Mama und Papa oft zur Weißglut getrieben mit unseren Streitereien. Wir hatten Hochs und Tiefs, haben uns total gut verstanden und dann wieder gar nicht. Haben einander nachgeeifert, wollten uns übertrumpfen und überrunden. Du hast, obwohl Du die Jüngere warst, mit Deinen Ellbogen oft Wege freigeräumt, von denen ich nicht einmal wusste, dass man auf ihnen laufen kann. Du warst mutig und lebenslustig und dann wieder in Dich gekehrt und traurig. Du bist Deinen Weg mit allen Steinen und manchmal Felsen, die sich da plötzlich im Weg auftaten so konsequent gegangen. Manchmal habe ich Dich bewundert, manchmal, seltener, Du mich. Ich habe es Dir nicht oft genug gesagt, als Du noch da warst. Denn woher hätte ich wissen sollen, dass Deine Reise vor meiner beendet sein würde? Aber ich habe Dich immer von Herzen geliebt. Und tue es noch. Du bist ein Teil von mir und wirst es immer bleiben, bis wir uns irgendwann wiedersehen und ich Dir für damals und Du mir für all das was ich hier in der Zwischenzeit verbockt habe die Ohren lang ziehen kann.

Und plötzlich sind 10 Jahre rum. 10 Jahre bist Du nicht mehr da. Immer noch habe ich oft das Gefühl, Du müsstest gleich um die Ecke kommen.

Auf früheren Fotos habe ich uns manchmal auf den ersten Blick verwechselt. Das ist jetzt vorbei, denn vor mir macht die Zeit nicht Halt. Ich bin gnadenlos älter geworden. 10 Jahre. Du nicht. Du bleibst in meiner Erinnerung immer die, mit der ich noch vor einer Woche beschlossen hatte, dass wir uns jetzt wieder öfter treffen. Dass wir die Meinungsverschiedenheiten der letzten Wochen hinter uns lassen und wieder durchstarten. Die, die da so fröhlich und gut gelaunt in die Kamera lacht, denn Dich hat die Kamera aus irgendeinem Grund immer geliebt, während ich mit ihr auf Kriegsfuß bleibe.

Ich habe mit so vielem gehadert in den letzten Jahren. Habe mir Dich so oft als Gesprächspartnerin gewünscht. Weil Du eben einzigartig im Kopfwaschen warst. Wie oft wäre ich mit Dir und den Kindern gern zu Ikea gefahren oder hätte Dich und Deine verrückten Ideen in der Gestaltung von Kinderzimmern gebraucht. Eben all die Dinge, nach denen ich selten frage, die Du aber eben einfach gemacht hast. Wer käme schon außer Dir auf die Idee, abends um 10 Uhr auf der Matte zu stehen und einfach mal die Wohnung umzuräumen.

Wie anders ist das Leben geworden. Wie anders der Blick auf verschiedene Dinge. Jemand hat es als eine Art Vorfreude beschrieben. Eine langfristige Vorfreude. Dich wiederzusehen. Irgendwann. Und ja, das ist es. So sehr ich mein Leben hier liebe, so sehr freue ich mich, wenn ich Dich wiedersehe. Weil Du eben ein Teil von mir bist. Und immer sein wirst.

Heute werden Sie wieder zu Dir hochsteigen, die Ballons mit unseren Wünschen. Unseren Gedanken. Unserer Traurigkeit aber auch all der Liebe und Freude. Jeder von uns hängt seinen Gedanken und Erinnerungen nach, die wie ein Schatz in unseren Herzen eingeschlossen sind. Manchmal leicht und manchmal tonnenschwer.

Die Kinder, die Dich nicht kennenlernen durften, fragen oft nach Dir. Und wenn ich dann von Dir erzähle, sind auch sie traurig, dass sie nicht die Chance haben, all die verrückten Dinge mit Dir zu erleben. Denn Du bleibst ja die, die Du warst, vor 10 Jahren.

Kleine Schwester, ich werde Dich für immer vermissen und niemals auch nur eine Erinnerung an Dich gehen lassen. Du lebst in uns weiter und ich hoffe, dass Du das weißt. Und ich bin dankbar für jede einzelne Minute mit Dir, auch wenn ich mir immer noch wünsche, es wären noch so viele mehr geworden.

Für immer

Deine große Schwester

Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.