Abschied oder Neuanfang? Sonnenauf- oder -untergang? Und doch Weihnachten?

Das Bild ist schon vor ein paar Tagen entstanden. Es war einer der letzten Abende, die uns diese wunderschönen Himmelsbilder geschenkt haben. Ich mag diesen Blick in die Weite und ich liebe Sonnenuntergänge. Weil ich mit großer Zuversicht daran glaube, dass die Sonne immer wieder aufgeht. Immer wieder.

Die hat in den letzten Wochen ziemlich gelitten. Diese Zuversicht. Wir leben seit 20 Monaten mit dieser Pandemie. 20 Monate. Wenn ich mir überlege, wieviel ein neugeborenes Kind in 20 Monaten lernt. Wie viel ich in 20 Monaten Studium gelernt habe. Wieviel Wissen man sich in 20 Monaten aneignen kann. Oder eben auch nicht.

Ja, ich habe 20 Monate weiter studiert. Ich habe einen Job verloren und einen neuen gefunden. Ich habe viel Neues gelernt, bin mit einigen Menschen viel näher zusammen gerückt und habe andere gehen lassen. Ich habe sehr viel gelesen. Nachrichten. Studien. Berichte. Länderübergreifendes. Dinge, die mein Herz berührt und nachhaltig verändert haben. Dinge, die mich fassungslos gemacht haben. Dinge, die ganz unwichtig meinen Speicher gleich wieder verlassen haben. Aber vor allem Dinge, die mit entsprechendem Vorwissen total Vorhersehbar waren.

Und heute sitze ich hier. Ich habe meinen ersten PCR-Test gemacht. Nach 20 Monaten. Ich habe alles getan um mich und meine Familie zu schützen. Alles. Ich bin in manch einer Situation über mich hinausgewachsen und in anderen schier verzweifelt. Ich habe weitergemacht und Mut gemacht. Angst gehabt und so viel ausgehalten. Der PCR-Test ist nur eins von vielen ersten Malen der vergangenen 20 Monate. Wie oft schon haben wir auf ein solches Ergebnis gewartet? Und ein paar Mal ist er bei nahen Familienangehörigen plötzlich positiv gewesen. Nah und näher. Oft und öfter.

Es ist immer mehr von Spaltung der Gesellschaft die Rede. Von ungerechter Unterteilung in Geimpfte und Ungeimpfte. Von verhärteten Fronten. Von Gesetzen und Pflichten. Von Versäumnissen. Von Enttäuschungen. Jeder ist von jedem enttäuscht. Jeder hat Meinung und zwar sehr viel. Ich möchte eigentlich gern von diesem Gefühl des Alleingelassenseins schreiben. Diese Pandemie hat an so vielen Stellen so hässliche Fratzen zum Vorschein gebracht. Verzweifelte Versuche, die kläglich gescheitert sind. Aus denen man hätte lernen können.

Ich frage mich, was von mir selbst eigentlich übrig geblieben ist. Wer war ich vorher und wer bin ich jetzt? Fakt ist: Ich bin nicht mehr die selbe. Wie sollte ich auch. Ich erlebe, wie sich meine Kinder verändern. Meine Familie. Menschen, die mir nahe stehen. Wie viel Vertrautes plötzlich fremd ist und sich falsch anfühlt. Ich möchte mit jemandem reden. Ich möchte Antworten. Auf so viele Fragen. Aber jeder, dem ich sie stelle, hat seine eigenen Fragen. Wir können versuchen, aus unseren gesammelten Fragen selbst Antworten zu konstruieren, aber höre ich dann die gleichen Antworten wie du? Oder ist das schon eins der großen Probleme?

Alleingelassen mit so vielen Fragen. Und mit so vielen Baustellen. Ich möchte aufräumen, aber das geht nicht. Noch nicht. Denn meine Baustellen sind nicht akut genug, dass ich mich erdreisten würde, sie jetzt gerade jemand anderem aufzudrücken, der vielleicht viele wirklich akute Dinge tragen muss.

Ich möchte nicht engstirnig werden und andere aus dem Blick verlieren, aber ich möchte Handwerkszeug zum Schutz meiner Lieben.

Ich möchte nicht verurteilen, aber ich merke, wie dünn das Fell geworden ist.

Ich möchte nicht in Schubladen denken, aber offene Regale kann ich offensichtlich gerade nicht ertragen. Und manche Schublade möchte ich echt mit Schmackes zuknallen.

Ich möchte nicht ungerecht sein, aber ich hänge gerade auch fest auf meiner durch viel Lesen und Hören basierenden aktuellen Meinung zu manchen Themen.

Ich möchte mich selbst nicht ausschließen, aber ich kann auch oft nicht mehr über meinen Schatten springen.

Ich möchte vor Freude durch das Leben hüpfen, wie noch vor 21 Monaten, aber es reicht nicht mehr zum Hüpfen.

Ich möchte den Sonnenuntergang wieder in dem Wissen um den nächsten Sonnenaufgang ansehen, aber tatsächlich frage ich mich an jedem Abend, wie es weitergehen wird.

Ich schaue mir jeden Tag die aktuellen Zahlen an. Es ist wie der Wetterbericht geworden. Aber ich will nicht die Zahlen lesen, sondern an die Menschen denken. Die Zahlen sind einfach zu groß, zu unvorstellbar. Zu oft erwische ich mich in diesen Zahlen. Und wieviele andere Menschen stehen hinter jeder einzelnen dieser Zahlen? Es ist so unwirklich. So unvorstellbar. Und an so vielen Stellen leider auch so überflüssig.

Ich möchte einfach weiter an der Aufklärung mitarbeiten in dem Rahmen, in dem ich es kann, aber ich bin Anfeindungen und blöde Kommentare so leid. Und ich bin in diesen Diskussionen ein verschwindend kleines Licht. Keinen interessiert es, wenn ich einfach nichts mehr dazu sage. Aber das kann ich auch nicht.

Ich möchte mich voller Elan und Lebensfreude in meine Aufgaben stürzen, aber ich muss mich dauernd fragen, ob das geht, ohne die, die mir anvertraut sind, zu gefährden.

Ich möchte in all dem Chaos eine Hirtin sein, die auf dem Feld den Stern entdeckt und ihm folgen kann. Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so sehr Weihnachten in meinem Herzen brauchte, wie aktuell. Licht. Hoffnung. Zuversicht. Vertrauen.

Der Advent soll mich dort wieder hinführen – aber kann das gelingen? Mir? Und uns? Heißt das, ich muss all das Schreckliche, was um uns herum gerade passiert, annehmen, akzeptieren und darüber Weihnachten decken? Nein, das wird nicht gehen. Aber Weihnachten neu und anders entdecken. Das kann ich versuchen. Der Weg der Hirten ist gelenkt vom Stern. Geleitet von Engeln. Sie erkennen in diesem kleinen Kind in der Krippe den Heiland. Den Retter der Welt. Unserer Welt. Die uns anvertraut ist. Die es zu bewahren und zu erhalten gilt. Und das darf auch mir der Ansporn sein, nicht müde zu werden. Weiterzumachen. Bewahre, was dir anvertraut. Und ja, das werde ich. Mit allem, was mir dazu gegeben ist. Nachfolgen. Auch das werde ich. Vielleicht nicht auf dem Weg, den viele andere für den Richtigen halten, aber auf meinem. Denn ob es DEN richtigen Weg gegeben hätte, werde ich erst eines hoffentlich noch sehr fernen Tages erfahren…

Schluss mit hätte, könnte, müsste…

Dafür ist einfach keine Zeit mehr! Wir müssen JETZT handeln. Wir müssen JETZT reagieren. JETZT Vorbild sein und JETZT die Richtung bestimmen.

Seit längerer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, was genau meine Aufgabe im Kampf gegen die Klimakrise ist. Wie ich zur Bewahrung der Schöpfung beitragen kann und will. Wo ich meinen Beitrag leisten kann, diese Erde auch für meine Kinder zu bewahren, zu erhalten.

Vor einigen Wochen habe ich diesen Test gemacht, wie groß wohl mein ökologischer Fußabdruck ist. Kennst Du das, wenn Du plötzlich in einem Buch etwas Beängstigendes oder Erschreckendes liest und Dein erster Impuls darin besteht, die Seite zuzuschlagen? So ging es mir in dem Moment. Uff, dachte ich. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Seitdem rattert es in mir, ohne dass ich groß mit jemandem darüber gesprochen habe. Denn jede Änderung betrifft mich nicht als Einzelperson – meine ganze Familie hängt ja mit dran.

Wie könnten wir uns ernährungstechnisch anders aufstellen? Wo könnten wir Wege mit dem Auto sparen? Wo könnten wir nachhaltiger einkaufen? Was könnten wir hier zu Hause verbessern? Und was davon können wir uns rein praktisch finanziell überhaupt leisten?

Immer, wenn die Gedanken zu konkret wurden, habe ich sie wieder ein paar Tage weiter vor mir hergeschoben. Diese Pandemie hat ja schließlich lautstark gefordert, dass ich alles mögliche über das Internet bestelle. Dass ich uns alle mit gutem und reichhaltigem Essen belohne, wo schon nichts anderes möglich war. Oder war das doch wieder nur mein Kopf?

Tja, und jetzt ist Juli. Die katastrophalen Bilder von diesen Wassermassen bleiben im Kopf und im Herzen. Was kann ich jetzt aktiv tun? Beten. Ja, das tue ich. Aber mit welchem Inhalt soll ich mich eigentlich an Gott wenden? Was erwarte ich denn jetzt von ihm? Ich helfe nach Kräften mit, den Karren vor die Wand zu fahren und er soll es jetzt richten? Nein, das kann wohl kaum mein Weg sein. Aber ich bitte ihn darum, mir Besonnenheit zu schenken. Und mir zu helfen, mich richtungweisend auf den Weg zu machen. Ich bete für all die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Die vor dem Nichts stehen. Die Angehörige verloren haben. Denen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht. Ich bin demütig. Dieses Mal hat es mich nicht getroffen. Aber dieses sonst so erfüllende, warme Gefühl der Dankbarkeit möchte ich mir nicht gestatten. Nicht auf dem Rücken so vieler anderer. Ich möchte so gerne JETZT etwas tun und fühle mich so hilflos.

Die Bundestagswahl, die als irgendwie richtungweisend vor der Tür steht, bereitet mir mehr Kopfzerbrechen, als jemals eine Wahl zuvor. Auch hier habe ich eine Verantwortung. Eine klitzekleine, aber sie lastet so schwer auf meinen Schultern, weil es für mich gerade nicht DIE Entscheidung gibt. Es erschreckt mich, aber ich traue das niemandem der aktuell gegeneinander kämpfenden Parteien und Kandidaten zu. Niemandem. Und jetzt?

Schon wieder ein Fragezeichen. Wo also fange ich jetzt an? Gestern Abend habe ich den sehr emotionalen Beitrag bei Maybrit Illner von Eckart von Hirschhausen gesehen. Das hat mich bis ins Mark ergriffen. Ja, er hat Recht, wir müssen JETZT was tun und wir werden es nur GEMEINSAM schaffen. Wie aber schafft man Gemeinsamkeit, wenn doch so viele hier gerade dabei sind, sich selbst abzuschaffen? Deren offensichtlich einziger Lebensinhalt aus Widerstand besteht? Covid19 – gibts nicht! Impfung – brauchen wir nicht! Klimakrise – ihr habt doch nen Knall!

Es geht schon lange nicht mehr darum, wer der Gute in diesem Spiel ist und wer der Schlechte. Und auch nicht darum, dass sich Wenige über Viele erheben. Es geht um die Erhaltung unserer Lebensgrundlage. Wenn wir diese nicht erhalten, sind Gut und Böse nämlich in absehbarer Kürze egal. Verpufft.

Unser Leben ist kaum ein Atemhauch in der Geschichte der Welt und doch richtet er so viel Schaden an. Warum schaffen wir es nicht, all diese Fähigkeiten in Gutes zu verwandeln? Und warum verschließen wir die Augen einfach vor dem, was sich gerade vor unserer Nase abspielt? Ich habe dieses Bild für den Beitrag ausgewählt, weil er so beeindruckend zeigt, worüber wir sprechen. Viel Wasser. Viel Himmel, wenig Land dazwischen. Nicht einmal ein Drittel des Bildausschnitts. Und doch so unglaublich bedeutend.

Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit über einem Jahr in der Stadt. In Köln. Es war relativ voll. Die Masken spielten nur noch eine begleitende Rolle – lästiges Übel in den Geschäften. Enge, die früher ganz normal war, fühlte sich nicht gut an. Und das nicht nur wegen dieses Virus, sondern einfach, weil da plötzlich viel mehr Misstrauen ist. Wer ist eigentlich mein Gegenüber? Mit welcher Weltanschauung geht er so durch die Welt? Und ich? In der Altstadt pöbelte mich ein Mann an. Ein ungepflegter Mann. Auf einem Niveau weit unterhalb der Gürtellinie. Und ich stand da und wusste nichts zu erwidern. Lange habe ich so etwas nicht erlebt. Und dann stand ich da mit meinem Studium. Soziale Arbeit studiere ich und habe nichts zu erwidern? Das Leben lässt keinen Raum für lange Vorbereitungen. Es passiert JETZT. Und wenn ich jetzt nichts erwidern kann, lasse ich Chancen verstreichen. Chancen, die für meine Kindern wichtig sind. Für mein Leben. Für unsere Erde. Unsere einzige Erde.

Die Kunst der kleinen Schritte – Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) hat dieses Gebet vor so vielen Jahren bereits geschrieben und ich finde es gerade so unglaublich passend:

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin. Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung, schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuß. Laß mich erkennen, daß Träume alleine nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt. Ich weiß, daß sich viele Probleme dadurch lösen lassen, daß man nichts tut. Gib, daß ich warten kann. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“

Und so gehe ich jetzt los. In kleinen Schritten nach vorn, aber nicht wieder zurück. Mit Rückschlägen. Mit Sorgen oder Zweifeln, aber weiter vorwärts. Und am liebsten wäre mir, Du würdest mitgehen. Und Du auch. Und mir helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Zu erkennen, wo ich strauchle. Meine Kraft soll Deine sein. Damit wir gemeinsam JETZT das Richtige tun können. Miteinander. Füreinander.

Ich bin von Gott gewollt. Und DU auch!

Dieser Predigt ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zugrunde gelegt. Vor allem aber 1. Mose 50, 15-21:

Als ich gelesen habe, welcher Predigtext für heute, den 4. Sonntag nach Trinitatis vorgesehen ist, habe ich mich sehr gefreut. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern habe ich vor vielen Jahren als Musical gesehen. Ich muss ungefähr 14 Jahre alt gewesen sein, als mein Vater meine Schwester und mich mitnahm zu unserem ersten Abend dieser Art. Unser erster Musical-Besuch. Alles war so besonders. Die Menschen waren alle schick angezogen, wir waren aufgeregt und warteten ungeduldig auf unseren Plätzen auf den Beginn. Und dann wurde es dunkel und wir erlebten staunend und mitfiebernd einen sehr besonderen Abend, von dem ganz besonders dieses unheimlich tolle, bunte, regenbogenfarbene Kleid von Josef in Erinnerung blieb. Was für ein kraftvoller und guter Text für unseren ersten Live-Gottesdienst, nach so vielen Monaten vor dem Bildschirm. Ich höre den Joseph da auf der Muscial-Bühne fast noch singen:

Die Augen zu, der Vorhang offen,
Ich sah betroffen, was ich längst gespürt.
Weit, weit von hier gab’s Leid und Kummer,
Alles lag im Schlummer
Wie vom Traum verführt.

Ich trug mein Kleid, das goldbemalte,
Sein Muster strahlte wundervoll verziert.
Ein Sonnenstrahl im Osten lachte,
Und die Welt erwachte wie vom Traum verführt.

Ein Schuss aus Klang, ein Fluss aus Licht,
Mein gold’nes Kleid flog außer Sicht

Die Farben flossen fort ins Dunkel, und ich blieb allein.
Doch schaut zurück, seht, was ihr findet!
Das Licht entschwindet wie’s dem Traum gebührt
Die Welt und ich stehn still und hoffen,
Die Augen offen, wie vom Traum verführt.

Was musste Josef nicht alles erleiden. Was lastete da ein Druck auf ihm. Verstoßen, vertrieben von seinen eigenen Brüdern. Hoffnungslos. Und dann sind da diese Träume – was sollen die bloß bedeuten? Und dann verdankt Ägypten diesen Träumen alles. Wohlstand. Überleben. Und ich sehe diesen Josef in seinem bunten Kleid.

Wie passend, dass es jetzt gerade um dieses regenbogenfarbene Kleid geht. Der Regenbogen begleitet auch uns und unseren Alltag gerade sehr. Als Symbol für jene, deren Stimmen nicht für voll genommen werden. Die sich gar nicht erst trauen, ihre Stimmen zu erheben. Wir wollen für Gemeinschaft einstehen. Wir wollen eine Einheit sein. Und ein simples und vereinendes Symbol, ein Regenbogen, bringt Schlimmes ans Licht. Er, der mehr als vieles andere für Vielfalt steht. Für eine Brücke zwischen Regen und Sonne. Für eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, er bringt gerade ans Licht, dass unsere fast perfekt gespielte Einheit gar keine ist? Was stimmt denn da nicht? Wie kann es sein, dass Menschen täglich Erfahrungen mit Diskriminierung machen müssen, sei sie in der Hautfarbe, der Nationalität, der Sexualität oder worin auch immer sonst begründet? Wie kann es sein, dass sich andere darüber erheben und urteilen?

Es ist der Monat der Regenbogen. Pridemonth. Der Monat, der im Zeichen von Diversität und Gleichberechtigung stehen soll. Viele höre ich darüber schimpfen. „Ich habe ja nichts dagegen, aber…“, höre ich. Oder „Muss das denn allgegenwärtig sein? Müssen DIE denn so eine Bühne haben?“  Ich finde JA. Müssen Sie. Weil sie alle Menschen sind. Gottgewollte Menschen. Weil sie oft schon viele Jahre lang mit einer Lüge leben mussten, um ihren Platz in unserer doch so offenen Gesellschaft nicht zu verlieren. Weil sie oft verzweifeln, weil sie mit sich selbst nicht wissen, wohin. Weil es keinen Rat gibt, der einfach anzuwenden wäre und ihr Leben erleichtern könnte. Weil sie einfach Teil unserer Gesellschaft sein sollen und diese ganz offensichtlich noch nicht bereit dafür ist. Und das finde ich schlimm und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich hier in einer so offenen Kirchengemeinde stehen darf. In der jede und jeder willkommen ist, wie er oder sie ist. Das ist nicht selbstverständlich.

Während ich diese Predigt schrieb, lief gerade das Fußballspiel, Deutschland gegen Ungarn, das die Bedeutung des Regenbogens noch einmal sehr mächtig in den Fokus gerückt hat. Vor dem Spiel sind die Diskussionen laut und übel. Ein Stadion, das regenbogenfarbig beleuchtet werden soll. Beleidigungen, Beschimpfungen, Symbole, die jeder für sich selbst so deutet, wie sie gerade in sein Weltbild passen. Fußball hat nicht politisch zu sein. Aber geht es in der Kernaussage dieses Regenbogens wirklich um Politik? Und während sie alle noch diskutieren, ertönt der Pfiff, das Spiel beginnt und der Ball rollt. Auf einmal sind die meisten vereint in fiebrigem Patriotismus. Möge doch das eigene Land Europameister werden. Sieger und Verlierer liegen sich in den Armen, freuen sich gemeinsam, trauern gemeinsam. Fußball vereint in all seiner ihm eigenen Diversität wie nichts anderes. Warum gelingt das nicht auch auf der ganz großen Bühne? Warum gibt es Dinge, die offensichtlich so einschüchternd oder beängstigend auf Menschen wirken, dass sie keine Akzeptanz und erst recht keine Toleranz finden?

Der Predigttext erzählt nun von Josefs Brüdern. Der Vater, vor dem alle gleichermaßen Respekt hatten und der wohl, so liest es sich raus, auch Vermittler zwischen Josef und den Brüdern war, ist tot. Nun haben die Brüder Angst, dass Josef jetzt Rache nehmen könnte. Aber nichts liegt ihm ferner. Josef denkt gar nicht darüber nach, seinen Brüdern Böses anzutun, weil Gott es eben nicht dazu kommen ließ. Weil Gott es gut machte.

Ich lese gerade das Buch eines noch sehr jungen Pfarrers, Gunnar Engel, der in einer kleinen Kirchengemeinde an der dänischen Grenze lebt. Er stellt gleich zu Beginn sehr provokante Fragen. Lebst Du mit einem Glauben, der dich Dinge erleben lässt, wie du sie in der Bibel liest? Lebst Du mit einem Glauben, der dir jeden Tag neu die Allmacht und Liebe Gottes zeigt? Bewegst Du Dich mit der Erwartung durch den Tag, Gott tatsächlich zu begegnen? Egal was kommt? Vertraust Du Gott in den dunklen Tälern Deines Lebens genauso wie in den Höhepunkten? Oder ist Dein Glaube eher eine kleine Garnitur deines eigentlichen Lebens – das Sahnehäubchen auf Deinem Alltag? Oder ist es andersherum: Denkst Du, dass Gott Besseres zu tun hat? Denkst du, dass Du vielleicht erst einiges an Dir ändern müsstest, damit Gott etwas mit Dir anfangen kann? Dass er Wichtigeres zu tun hat, als sich mit Dir abzugeben? Immerhin ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums.

Josef vertraut Gott. In dem dunklen Tal des Verlieses, als er die ersten Träume hat. Durch den Druck des Pharaos. Durch die schweren und schwersten Zeiten seines Lebens. Und jetzt, als die Brüder vor ihm stehen und sein Urteil erwarten, auch da vertraut er darauf, dass Gott es gut macht. Er begegnet Gott in der Art, wie er entscheidet, wie er handelt. Er lässt es zu, dass Gott ihn führt.

Wie also kann nun heute ein friedliches Miteinander gelingen? Im Römerbrief steht es so zeitlos passend geschrieben. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist`s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten spricht der Herr. Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

So viel Ermahnung heute. Aber ist es nicht genau auf den Punkt gebracht? Wir wollen Gemeinschaft. Wir brüsten uns an so vielen Stellen damit, dass wir unsere Entscheidungen doch ihm Sinne der Allgemeinheit getroffen haben. Aber geht es nicht oft viel mehr um Macht als um Gemeinschaft? Viel mehr als wir uns eingestehen wollen? Und ist Macht nicht dieses giftige Gefühl, dass nur für einen Atemzug lang Triumph verschafft und dann doch eher als fader Beigeschmack nachwirkt? Das Böse mit Gutem überwinden muss manchmal vielleicht eine Überwindung, ein Sieg über sich selbst sein. Denn, das ist das Wunderbare daran, dass wir Menschen mit diesem Regenbogen an Gefühlen und Verstand und Gedanken ausgestattet sind: Wir sind an jedem einzelnen Tag frei darin, uns neu zu entscheiden. Uns selbst zu hinterfragen. Uns ganz in Gottes Hand zu geben und darauf zu hören, was er uns sagen will. Wo er will, dass wir wirken. Hier bin ich, sende mich. Gott, zeig mir den Platz, den du für mich vorgesehen hast. Hilf mir, mich richtig zu entscheiden.

Wir können innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen. Und urteilen. Moralisch urteilen. Wir glauben dann sehr gut zu wissen, was gut oder verwerflich ist und tun lautstark oder subtil unsere Verachtung kund. Aber niemand von uns ist ohne Fehler. Jeder von uns bedarf immer wieder der Großzügigkeit und Nachsicht anderer. Und einzig Gott ist es, der richten kann. Und darum ermutigt uns Jesus zum Vergeben. Wer in dem Glauben, in dem Bewusstsein lebt, dass Gott ihm barmherzig entgegenkommt, der kann zumindest versuchen, versöhnt zu leben. Wie zum Beispiel Josef, der seinen Brüdern all das Unrecht, das sie ihm angetan haben, verzeiht. Der es in Gottes Hand gibt. Und ich glaube fest daran, dass auch wir das können. Erst nachdenken und dann handeln. Böses mit Gutem überwinden. Unsere Stimme erheben für jene, die das nicht selbst können. Und zeigen, dass wir bereit sind für eine bunte Gesellschaft. Für eine, in der nicht alle immer einer Meinung sein müssen, aber andere Meinungen neben der eigenen akzeptiert werden. Eine, in der der Glaube an den Gott, der alles gut machen kann, wenn wir ihn nur lassen, nicht das Sahnehäubchen im Alltag ist. Sondern eine, in der Gott uns wirklich begegnen darf. In der wir Dinge wie diesen langersehnten gemeinsamen Gottesdienst, den wir mit Gesang und Gemeinschaft füllen und feiern dürfen, genauso mit Gott gemeinsam durchleben, wie die schweren und dunklen Zeiten, in denen er uns nicht verlässt. Jede und jeder von uns ist so wertvoll und so einzigartig. Schauen Sie sich ihren Nachbarn links und rechts an – wir haben uns so lange nicht live gesehen. Jeder und jede von uns ist wunderbar, weil Gott uns so gewollt hat. Und ist es nicht jeder von uns wert, einen Platz zu haben? Sein Glück zu finden? Und zu wissen, dass Gemeinschaft auch bedeutet, dass jemand eine Stimme hat, wenn man selbst gerade keine hat? Dass sich jemand stark macht, wenn man selbst gerade schwach ist und ängstlich? Ist nicht genau das die Nachfolge Jesu, eben nicht vorhersehbar, sondern barmherzig zu handeln? Gott hat uns ein liebendes Herz gegeben. Und das heißt nicht, dass wir immer alles durch die rosarote Brille sehen sollen. Das heißt auch nicht, dass wir einander in die Herzen sehen können, so wie Gott uns in die Herzen sieht. Das heißt aber, dass wir versuchen können – jeden Tag aufs Neue – nicht nur auf das Äußere zu schauen, sondern unseren Nachbarn und sein Tun mit anderen Augen anzusehen. Mit nachsichtigem und barmherzigem Blick. Gott sieht jeden von uns mit unserer Vielfalt und Einzigartigkeit und wir sollten zumindest versuchen, unsere Herzen nicht davor zu verschließen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

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Das zitierte Buch ist „Follower – Wie Gott dein Leben verändert, wenn du ihn lässt“ von Gunnar Engel, SCM Verlag

Dieser liebevolle Blick…

…mit dem ich meine Kinder ansehe. Dieser Blick, der alle Kritik, die manchmal von außen auf uns einströmt, ausblendet. Dieser Blick, der nur den kleinen Menschen sieht. Mit all den Stärken und Schwächen, der genauso gedacht war, wie er jetzt ist und gerade wird. Dieser Blick, der genauso schnell Pfeile in Angreiferrichtung schleudern kann, wenn jemand diese Kinder angreift, oder ungerecht behandelt oder vorschnell verurteilt. Dieser mitfühlende und wissende Blick, wenn diese Kinder zum ersten Mal Dinge durchmachen müssen, die ich auch von früher kenne. Es ist mein Mutterblick. Der, der mich manchmal verklärt und es mir schwierig macht, nicht voreingenommen zu sein. Dieses Wissen, dass ich immer mit einem offenen Ohr für diese Kinder da sein werde. Dass ich für jedes Problem eine Lösung finden möchte. Oder dass ich diese Kinder zumindest begleiten möchte, wenn sie schwierige Wege gehen müssen. Das alles macht Mutter-sein mit mir.

Und irgendwann ist man dann groß. Man braucht ein gutes Selbstbewusstsein, um alle möglichen Worte und Taten an sich abprallen zu lassen. Um Dinge anzugehen, für die man vielleicht nicht so viel Rückendeckung bekommt. Und man vergisst total oft, dass da doch immer jemand ist, der auch mich und Dich noch mit diesem liebevollen Blick ansieht. Weil er mich und Dich genauso wollte, wie wir sind. Mit den Entscheidungen, die wir treffen. Mit den Äußerlichkeiten, die wir manchmal nicht leiden können. Mit den Gedanken, die in unseren Köpfen kreisen. Mit den Zweifeln. Und Ängsten. Mit dem strahlenden Lachen. Mit den starken Händen. Mit den trainierten oder nicht trainierten Muskeln, die uns durchs Leben tragen. Mit dem tollen oder dem nicht so tollen Bindegewebe. Mit den Falten um die Augen, ob vom Lachen oder von den Sorgen. Er sieht mich gerade jetzt mit diesem liebevollen Blick an. In meiner Phantasie zieht er dabei manchmal die Augenbraue ein wenig hoch, aber er bleibt mir liebevoll zugewandt.

Das – mir ganz bewusst gemacht – ist ein großes Geschenk. Denn so darf ich meine eigenen Fehler machen, die mir andere schon prophezeit haben. Wenn ich meine, ich muss das ausprobieren, bin ich trotzdem nicht allein. Gott begleitet mich. Gott ist manchmal der einzige, der mir liebevoll zugewandt bleibt. Ich kann mich noch so allein fühlen, ich falle nie tiefer als in Gottes Hand. Ich mochte diesen Satz nie besonders, weil er oft so gesagt wird, wenn man selbst keine Idee mehr zum Helfen hat. Oder kein Verständnis mehr für den anderen. Man macht es sich irgendwie leicht, wenn man jemand anderem sagt: „Du fällst nie tiefer als in Gottes Hand.“ Zack – ist Mensch raus aus der Verantwortung.

Aber wenn ich da jetzt so weiter drüber nachdenke, ist es einer der tröstlichsten Sätze, die ich mir gerade für mich vorstellen kann. Es lässt mein Herz höher schlagen, wenn ich mir wirklich bewusst mache, dass Gott mich hält und leitet, dass er mir liebevoll zugewandt bleibt und auch die dummen Erfahrungen begleitet.

Wie könnte mein Herz also nicht singen? Wie könnte ich nicht von ganzem Herzen dankbar sein für dieses Leben, das er mir geschenkt hat? Ich darf Fehler machen. Ich darf straucheln. Ich darf wieder aufstehen und weiter gehen. Und all das nie allein, auch wenn die Menschen an meiner Seite vielleicht nicht immer mitgehen. So abstrakt das für manchen auch klingen mag – für mich war es die tröstlichste und beste Erkenntnis eines Tages, der geprägt war von Gedankenschwere, Ungeduld und ein wenig Wehmut. Er klingt jetzt um einiges froher aus, dieser Tag…

Und jetzt?

Heute kam die E-Mail. Und die Info der Kreisverwaltung. Und Nachrichten im Klassenchat. Und in privaten Chats. Überall stehen die Zeichen auf Normalität. Die Schule geht wieder los. In voller Klassengröße. Jeden Tag.

Der Newsletter vom Kindertheater lädt ab Juni wieder ein. Die Läden öffnen. Sport ist wieder möglich. Nach 22 Uhr das Haus zu verlassen ist wieder erlaubt. Kinos sollen öffnen. Erste Freizeitangebote sind wieder nutzbar. Und gerade heute habe ich diese Schnecke fotografiert, die mir auf der Morgenrunde über den Weg kroch. Ich habe darüber schon in einem anderen Kontext geschrieben, aber jetzt ist sie schon wieder hier, die Schnecke.

Es geht auf einmal so schnell. Wochenlang, monatelang haben wir gewartet, gemeckert, ausgehalten, gezweifelt, geschimpft, gehofft, Mut gemacht, Ängste geteilt, improvisiert, neu erfunden, anders gemacht. Wir wurden vertröstet, enttäuscht, oft nicht Ernst genommen und am Ende dann doch GEIMPFT! Und wenn bisher noch nicht, so denn in Bälde.

Und ich wünsche mir gerade dieses Schneckenhaus. Möchte erstmal abwarten, wie das so ist, wenn man wieder in größerem Radius unterwegs ist. Menschen trifft. Abstände verringert. Wie wird das sein? Werden wir etwas von der Rücksicht, die viele von uns in den letzten Monaten genommen haben, beibehalten? Werden wir abgehängt, wenn wir nicht wieder auf das gleiche Pferd wie früher aufspringen wollen? Werden wir wirklich so schnell wieder vergessen, dass wir doch geplant hatten, an mancher Stelle nicht wieder anzuknüpfen, sondern einen neuen Weg einzuschlagen? Und was ist, WENN wir das tun? Werden dann die anderen den gemeinsamen Weg abbrechen? Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht umkehren. Es gibt kein Zurück. Es ist anders und es bleibt anders. Und ich will eigentlich auch nicht umkehren. Eigentlich. Aber um das herauszufinden, würde ich gern nochmal eine Weile in das Schneckenhaus. Wenn ich einen Großteil der Sorgen und Ängste der vergangenen Monate dort rauskehren kann, könnten ja jetzt endlich die produktiven und guten neuen Gedanken einziehen. Die, die mich weiterbringen sollen.

In meinem Kopf spuken eine Menge Pläne und konkrete Vorstellungen herum. Viele Dinge, die ich gern kurz- oder langfristig umsetzen möchte. Aber so unsortiert. Nächste Woche wird es also still im Haus. Vormittags. An drei Tagen. Ich nehme mir vor, den Computer ausgeschaltet zu lassen. Wirklich nur das Gedankenchaos zu sortieren. Um den Weg wieder zu erkennen. Und damit meine ich nur MEINEN Weg. Wohin mit dem Studium. Welche Weiterbildungen sind sinnvoll. Welche Themen finde ich zwar spannend, aber nicht so sehr, dass ich meine knappe Zeit hineinstecken möchte. Was kann ich ggf. noch später anfangen? Was bringt mich wirklich weiter? Welche Bewerbungen machen schon Sinn, welche nicht. Was möchte ich in meinem zukünftigen Berufsleben tun. Mit wem möchte ich arbeiten. Für wen. Und inwiefern habe ich überhaupt einen Einfluss darauf.

Zwischendurch wird sich mir immer wieder die Frage stellen, warum ich erst so spät angefangen habe, mich endlich auf meinen Weg zu machen. Weil ich halt jetzt schon alt bin. Ich kann nicht mehr so viele Sachen ausprobieren, bevor ich meinen Platz gefunden haben sollte. Vielleicht setze ich mich auch viel zu sehr unter Druck, jetzt nur noch richtige Entscheidungen zu treffen. Und vielleicht bin ich gerade auch schon mitten in diesem Prozess, den ich doch erst nächste Woche anstoßen wollte. Und vielleicht fühle ich mich gerade total unruhig und seltsam.

Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich so schon länger. Ich greife viel zu oft zu meinem Handy. Meine Gedanken lassen sich so schwer fokussieren. Ich bin unkonzentriert. In den Vorlesungen erwische ich mich im Chat mit Kommilitonen oder in der Burger-Braterei auf meinem Smartphone. Ich schaue auf die Uhr auf meinem Handy und checke kurz Social Media auf allen Kanälen, lege das Handy wieder weg, natürlich ohne die Uhrzeit zu wissen. Ich sitze auf dem Sofa nur auf der Kante. Zum Aufspringen bereit. Und morgens komme ich kaum aus dem Bett. Was ist nur los mit mir in letzter Zeit? Rastlos und doch bleischwer. Optimistisch und doch irgendwie gelähmt. Ich habe mich selten so zerrissen gefühlt.

In den vergangenen Wochen war es mehr denn je das Essen, das ich auserkoren hatte, um die Stimme in mir zum Schweigen zu bringen. Und damit natürlich das altbekannte Thema Übergewicht erneut heraufbeschworen. Mein Bruder sagte letzte Woche zu mir: Nimm es hin wie es ist. Du hast so viel um die Ohren, du wirst das jetzt nicht auch noch schaffen. Und dieser kleine Satz hat so viel in mir bewegt. Es war seit langer Zeit ein erstes Mal, dass da kein unterschwelliger Vorwurf war. Kein „du musst aber“. Sondern ein gesehen werden. Danach war mir erstmal zum Weinen. Und so langsam fange ich an, das zu akzeptieren. Das tut gut, irgendwie. Gesehen werden. Und das auch ausgesprochen zu hören. Denn ja, das muss ich mir selbst auch auf die Fahne schreiben, oft sehen wir, sagen aber nichts. Und jetzt werfe ich damit um mich. Mit Anerkennung. Für andere. Die wirklich viel leisten und die darauf auch stolz sein sollen und dürfen. Und ich mache mich damit gar nicht schlechter, nein, ich lerne, dass auch ich manches tue, das Anerkennung verdient. Bei mir selbst ist es eben nur ein viel längerer Prozess…

So, und jetzt habe ich aus dieser kleinen Schnecke wohl alles heraus geholt. Ich würde mich freuen, wenn Du mir schreibst, was Dich gerade so bewegt. Ob es Dir plötzlich auch zu schnell geht? Oder genau im richtigen Moment kommt? Was Du für Pläne hast? Das muss übrigens nicht als Kommentar hier oder in Social Media sein, sondern gern auch ganz privat unter: amelie1ortmann@gmail.com

Lass uns losgehen und herausfinden, wie es so weiter geht. Ich freu mich, dass Du dabei bist!

Mama

Heute ist Muttertag und im Internet ist es – wie so oft mit Dingen, die für den Einen etwas Schönes und für den Anderen etwas Schlimmes bedeuten – laut. Um diesen Tag. Darum ob man ihn feiern darf oder nicht. Ob es einen Tag für Mütter geben muss. Ob der Elterntag heißen müsste oder ob er nicht viel schaden anrichtet bei denjenigen, die gern Mutter wären, es aber aus vielen Gründen nicht sind. Und was mit jenen ist, die ein zerrüttetes Verhältnis zur und schlimme Erfahrungen mit der eigenen Mutter haben. Oder mit jenen, die jetzt gerade aktuell aus welchen Gründen auch immer nicht die Mutter sind oder sein können, die sie sollten oder sein wollen. Und all das hat seine Berechtigung und für all diese Dinge sollte es auch einen Tag geben oder zumindest einen Ort, an dem man Hilfe und Gehör findet. Aber für mich ist heute Muttertag.

Ich freue mich unheimlich über die Geschenke, die meine Kinder mir heute gemacht haben. Für den Frühstückstisch, der liebevoll gedeckt war und das ganze Zimmer, das so schön geschmückt war. Darüber, dass sie sich vornehmen, sich heute nicht zu streiten und darüber, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht haben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Ich durfte diese drei Wesen zur Welt bringen. Sie wurden mir kerngesund und quietschfidel geschenkt. Wahnsinn.

Aber das Geschenk meines eigenen Lebens verdanke ich meiner Mama. Sie begleitet mich nun schon – tatsächlich – mein ganzes Leben lang. Von ihr habe ich all die Dinge gelernt, die ich heute an meine eigenen Kinder weitergebe und weitergeben möchte. Meine Mama hat mich durch den ersten und viele weitere Liebeskummer begleitet. Sie war da, wenn sich mein Leben auf vielerlei Weisen komplett umkrempelte. Manchmal wollte ich von ihr lernen, wie man etwas macht und manchmal konnte ich auch erleben, wie man etwas besser nicht macht. Sie findet nicht annähernd alles richtig, was ich tue, und das geht mir andersrum genauso. Und doch ist da immer diese tiefe Liebe, der Respekt und die Freundschaft, die uns verbindet.

Mama – Du hast an mich geglaubt und mir geglaubt, wenn es kein anderer tat. Du hast die abenteuerlichsten Sachen unterstützt. Du hast getobt und gebrüllt ohne auch nur einmal die Hand zu erheben. Du hast bis heute diesen Blick, der mir auch ohne Worte sagt, was du gerade denkst. Du hörst dir an, was ich zu sagen habe und sagst mir, wann ich auch mal nichts zu sagen haben sollte.

Dank Dir stehe ich jetzt hier, wo ich stehe. Mit drei gesunden Kindern an der Hand. Du wärst auch den anderen Weg mit mir gegangen. Hast alle Termine mit mir wahrgenommen. Hast mich begleitet, als ich dachte, das wäre der richtige Weg. Hast mit mir vor Erleichterung geweint, als ich dann doch diese ganz andere Entscheidung für das Leben in mir treffen konnte. Dir verdanke ich, dass ich immer wusste, dass ich meine eigene Entscheidung getroffen habe. Und ich wusste immer, dass Du an meiner Seite sein würdest.

Heute ist Muttertag und ich bin so dankbar, dass ich Dich habe, Mama. Dass Du an meiner Seite bist. Dass ich Dich anrufen kann, wenn ich nicht weiter weiß. Für die Freundschaft, die uns heute auch verbindet. Dafür, dass es mich gibt und meine Geschwister. Dafür, dass es so viel gibt, das wir weitergeben können, auch wenn es so viele Steine auf dem Weg gab.

DANKE

Von Steinen und Gesang und was sie mit Gemeinschaft zu tun haben.

Zugrunde liegt Lukas 19, 35-40

Wenn ich Sie und euch jetzt bitten würde, einen kleinen Moment, vielleicht eine Minute still zu sein – was hören Sie? Was hörst Du? Welche Geräusche sind um Sie, um Dich herum? – Ich komme darauf später noch zurück.

Gelobt sei, der da kommt, der König in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! – Das erklang dort, am Fuße des Ölbergs. Die Jünger brachten ihr Gotteslob mit lauten Stimmen und voller Freude zum Ausdruck und wurden von den Pharisäern in die Schranken gewiesen. Oder vielmehr erwarteten die Pharisäer, Jesus möge doch seine Jünger zurechtweisen. Ihrer Freude Einhalt gebieten. Und Jesus sagt: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Wenn ich mir das vorstelle, bildlich vorstelle, dann sehe ich Menschen, die laut singen. Die über Wunder sprechen, die sie selbst mit Jesus erlebt haben. Sie sind fröhlich und laut und aufgekratzt. Sie erzählen von Gott, davon dass Gott Jesus geschickt hat, davon, dass Gott der Größte ist. Aber genau das wollen sie nicht hören, die Pharisäer. Und Jesus sagt: Wenn es die Leute nicht rufen würden, dann würden es die Steine tun.

Was für ein Satz. Erst wenn man ihn wieder und wieder liest, wird einem bewusst, was dort steht. Wenn es die Leute nicht rufen würden, dann würden es die Steine tun.

Was ist ein Stein? Natürlich gibt es – wir leben in Deutschland – für die Definition „Stein“ eine DIN-Norm. Steine sind demnach Objekte, die größer sind als 63 mm – laut Korngrößenklassifikation. Es gibt verschiedene Sonderformen von Steinen – 12 um genau zu sein. Geschiebe zum Beispiel nennt man die Steine im Strombett der Gewässer, nicht zu verwechseln mit Moränen, die zwar auch Geschiebe sind, aber nur in den Ablagerungen eines Gletschers.

Als sprechende Steine wiederum werden mancherorts Grab- oder Gedenksteine und Stelen bezeichnet, deren Inschriften vom Leben Verstorbener erzählen oder Bibelzitate enthalten.

Aber das meint Jesus nicht. Jesus sagt, dass das, was die Jünger, die feiernde Menge zu sagen hat, so wichtig ist, dass es laut und durchdringend durch die Straßen klingen soll. So dringend, dass – gäbe es niemanden mehr, der es sagen könnte – selbst die Steine davon erzählen würden. Es herausschreien würden. Dann ist die Erzählung zu Ende. Aus. Sie bricht ab. Hier, an ihrer Grenze kommt sie zum Stehen. Ein monströses Bild: Schreiende Steine. Was soll danach auch noch kommen? Alles andere als harmlos ist dieses Bild. Nicht wie ein gemaltes Bild – eher wie ein Hörbild. Aufs Trommelfell gemalt, hineingedrückt in eine überforderte Einbildungskraft. Stellen Sie sich vor: Hier, an diesem Ort, in unserer Christuskirche. Stein an Stein auf dem Boden. Stein auf Stein an den Wänden, aus Steinen das Dach. Tausende von wohlgefügten und wohlgefugten Steinen. Selbst ein kaum hörbares Knirschen, Knacken, Reiben: es würde sich aneinanderreihen, übereinanderschichten, auftürmen zu lautem Klang, Klangkaskaden, Klanggewittern. Und dann erst: Schreien. Nicht auszumalen, nicht auszuhalten. Es glaubt hoffentlich niemand, dass es erträglicher wäre, würden die Steine singen. Nein, das Bild bleibt monströs. Es übersteigt sich selbst. Man möchte es sich gar nicht vorstellen.

Steine in einer bestimmten Form, nämlich der des Felsen, sind in unserem Sprachgebrauch sehr häufig dabei. „Da ist mir aber ein Fels vom Herzen gefallen“. Oder: „Das war mein Fels in der Brandung“. Starke, unerschütterliche Steine. Lasten, die sie mit sich fortnehmen, oder festhalten. Sie hören alles. Ertragen fast alles. Stoisch. Wir können sie zwar klein kriegen. Mit aller Gewalt. Immer kleiner und kleiner, bis nach der DIN Norm vielleicht nur noch ein winziges Stückchen Schluff oder Silt – das ist die Bezeichnung für feinste Steinchen mit einer Größe von weniger als 0,063 mm – übrig bleibt. Aber sie verschwinden nie ganz. Ist das der Grund, warum Jesus ausgerechnet von Steinen spricht?

Haben wir nicht mit unserem Oster-Projekt auch schon Steine sprechen lassen? Die Osterbotschaft von Kindern und Jugendlichen auf Steine gemalt? Bunt? Fröhlich?

So fröhlich wie der Gesang, der da am Fuße des Ölberges zu hören war. Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Und nun feiern wir heute diesen 4. Sonntag nach Ostern. Kantate heißt er. So fest habe ich mir vorgenommen, heute nicht über Corona zu sprechen und dann ist dieser Sonntag Kantate. Auch wenn bei mir aus dem Lateinunterricht nicht viel hängengeblieben ist, so weiß ich doch, dass cantare singen bedeutet. Fröhlicher Gesang soll ertönen. Wie eben damals am Fuße des Ölbergs.
Und was bedeutet es, wenn es an Kantate still bleibt? Wir nicht miteinander singen? Nicht aus Leibeskräften hier stehen und von unserer Freude über Jesu Auferstehung oder unserem Dank für die Schöpfung oder einfach zum Lobpreis für unseren himmlischen Vater singen? Nun ist das für uns hier natürlich übertrieben – es bleibt ja nicht still, denn für uns singt ja unsere Sängerin und unser Sänger und füllt so wunderbar das aus, was wir zusammen derzeit eben nicht können, aber Sie und ihr wisst was ich meine, wenn ich von Stille rede. Er gehört doch zu uns, dieser gemeinsame Gesang. Ein Lied, das Trauernden die Tränen löst oder das Lied, das uns einfach tief ins Herz eindringt. Musik lässt ja niemanden unbewegt. Gesungener Dank der Geretteten, das mächtige Loblied der Geschöpfe Gottes. Das besänftigende Harfenspiel und der mutige Gesang, der selbst Kerkermauern sprengt – vielfältiges, vielstimmiges Lob Gottes. Denn dort, wo sein Name so besungen wird, dort ist Gott ganz nah. Kein Bereich des Lebens soll von diesem Gesang ausgeschlossen sein. Musik, Gesang verändern uns. Der Lobgesang macht uns zu stärkeren, liebevolleren, dankbaren Menschen. Und wir haben auch hier unseren Weg gefunden. Miteinander. Jeder singt doch für sich, könnte man jammern, aber nein, wir singen zusammen. Jeder für sich und doch zusammen. Und heute vielleicht sogar noch ein bisschen lauter. Die Nachbarn sollen es ruhig auch hören.

Wir haben so viel mehr als noch vor einem Jahr. Da herrschte wirkliche Stille. Bedrückende Stille. Wie schön ist es doch, dass wir diese Form von Gemeinschaft gefunden haben. Das sie uns gefunden hat. Das wir uns haben finden lassen. Perfekte Imperfektion.

Es wird Frühling. Endlich – will man sagen. Die Sonne scheint immer öfter. Scheint sie nun allem zum Trotz oder uns zum Trost? Oder eben einfach, weil nunmal Frühling wird? Udo Jürgens hat es so schön – und seit dem letzten Jahr so untrennbar mit Corona – besungen: Immer, immer wieder geht die Sonne auf…

Und so rede ich über Corona, weil es nun einmal derzeit dazu gehört und es klingt gar nicht nach Jammern. Nein, denn wir haben unsere Wege gefunden. Die Gemeinschaft, in der auch heute jeder in seinem Wohnzimmer oder Arbeitszimmer oder wo auch immer Sie sitzen, lauthals singen kann. Zusammen. Wege, in denen die Steine für uns oder zu uns sprechen. Als Ostersteine. Oder als Oberberg Stones. Als kleine Fundstücke am Wegesrand, die uns ein Lächeln auf die Lippen legen.  Als schützendes Haus, als Straße, als Kirche, die beständig und zuverlässig im Ortskern steht und ihr hoffnungsvolles Läuten jeden Tag hören lässt.

Und über allem ist da unser großer Gott, dem wir unsere Lieder singen sollen und wollen und werden und der uns jederzeit, wann immer wir ihn brauchen, ein Fels in der Brandung war, ist und sein wird.

Von Eberhard Jüngel stammen diese Zeilen:

Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt,

dann war sie damals,

dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit:

Zur Begrüßung des neuen Menschen,

über den der Tod nicht mehr herrscht.

Das müsste freilich eine Musik sein –

Nicht nur für Flöten und Geigen,

nicht nur für Trompeten, Orgel und Kontrabass,

sondern für die ganze Schöpfung geschrieben,

für jede seufzende Kreatur,

so dass alle Welt einstimmen

und Groß und Klein, und sei es unter Tränen,

wirklich juchzen kann,

ja so, dass selbst die stummen Dinge und die groben Klötze mitsummen und

mitbrummen müssen:

Ein neuer Mensch ist da,

geheimnisvoll und allen weit voraus,

aber doch eben da.

Erinnern Sie sich, als ich eingangs fragte, was Sie wohl gerade hören, in dem Raum, in dem Sie sitzen? War es Vogelgezwitscher? War es Straßenlärm? War es das Rauschen im Kopfhörer? Oder der Atem von Hund oder Katze? Kinderlachen oder Streiterei?

Dann würde es in den eben gehörten Zeilen vielleicht anders stehen. Zusätzlich. Als eben diese Zukunftsmusik, zu der auch wir gehören. Wir sind diese Zukunftsmusik – ist das nicht unglaublich tröstlich? Hoffnungsvoll? Und ist es nicht faszinierend, wie wunderbar Ostern wirkt?

Wenn Sie möchten, finden Sie diesen Psalm von Eberhard Jüngel im Bogengang zum Mitnehmen, wenn Sie hier an der Christuskirche vorbeikommen. Als Erinnerung daran, dass wir alle Teil dieser Zukunftsmusik sind. Was auch immer wir für Musik hören. Als Musik empfinden. Als Erinnerung daran, dass selbst der kleinste Stein seine Bedeutung hat. Und daran, dass eben jeden Tag die Sonne wieder aufgeht. Denn Kirche ist weit mehr, als die Steine, aus denen sie erbaut ist. Kirche immer unsere Verbindung zum Himmel. Kirche bist auch Du. Und Sie. Jeder von uns. Ob er oder sie hier nun Schutz sucht oder Ermutigung. Und egal wie unbedeutend und klein wir uns manchmal fühlen, egal wie laut oder still wir sind: Kirche lebt, weil Steine aufeinanderpassen. Weil es hier für jeden einen Platz gibt. Weil Steine und Menschen Kirche formen, sich ineinanderfügen – Gebäude und Gemeinschaft. Weil Du da bist. Sie da sind. Und ich. Weil ein neuer Mensch da ist. Uns weit voraus. Aber doch eben da.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Bild von Alexandra_Koch auf Pixabay

10 Jahre und doch nur ein Atemzug

Den heutigen Beitrag widme ich Dir. Meiner kleinen Schwester. Dir, die Du mein Leben wie kein anderer begleitet hast. Die Du mir wie kein anderer Dinge sagen konntest und es auch gnadenlos getan hast. Dir, mit der ich unfassbar lustige Erinnerungen verbinde. Aber auch die schlimmsten Geschwisterstreitereien, die ich mir vorstellen kann. Ich glaube, wir haben einen Gefühlsreigen der besonderen Art aufs Parkett gelegt, Du und ich. Und Mama und Papa oft zur Weißglut getrieben mit unseren Streitereien. Wir hatten Hochs und Tiefs, haben uns total gut verstanden und dann wieder gar nicht. Haben einander nachgeeifert, wollten uns übertrumpfen und überrunden. Du hast, obwohl Du die Jüngere warst, mit Deinen Ellbogen oft Wege freigeräumt, von denen ich nicht einmal wusste, dass man auf ihnen laufen kann. Du warst mutig und lebenslustig und dann wieder in Dich gekehrt und traurig. Du bist Deinen Weg mit allen Steinen und manchmal Felsen, die sich da plötzlich im Weg auftaten so konsequent gegangen. Manchmal habe ich Dich bewundert, manchmal, seltener, Du mich. Ich habe es Dir nicht oft genug gesagt, als Du noch da warst. Denn woher hätte ich wissen sollen, dass Deine Reise vor meiner beendet sein würde? Aber ich habe Dich immer von Herzen geliebt. Und tue es noch. Du bist ein Teil von mir und wirst es immer bleiben, bis wir uns irgendwann wiedersehen und ich Dir für damals und Du mir für all das was ich hier in der Zwischenzeit verbockt habe die Ohren lang ziehen kann.

Und plötzlich sind 10 Jahre rum. 10 Jahre bist Du nicht mehr da. Immer noch habe ich oft das Gefühl, Du müsstest gleich um die Ecke kommen.

Auf früheren Fotos habe ich uns manchmal auf den ersten Blick verwechselt. Das ist jetzt vorbei, denn vor mir macht die Zeit nicht Halt. Ich bin gnadenlos älter geworden. 10 Jahre. Du nicht. Du bleibst in meiner Erinnerung immer die, mit der ich noch vor einer Woche beschlossen hatte, dass wir uns jetzt wieder öfter treffen. Dass wir die Meinungsverschiedenheiten der letzten Wochen hinter uns lassen und wieder durchstarten. Die, die da so fröhlich und gut gelaunt in die Kamera lacht, denn Dich hat die Kamera aus irgendeinem Grund immer geliebt, während ich mit ihr auf Kriegsfuß bleibe.

Ich habe mit so vielem gehadert in den letzten Jahren. Habe mir Dich so oft als Gesprächspartnerin gewünscht. Weil Du eben einzigartig im Kopfwaschen warst. Wie oft wäre ich mit Dir und den Kindern gern zu Ikea gefahren oder hätte Dich und Deine verrückten Ideen in der Gestaltung von Kinderzimmern gebraucht. Eben all die Dinge, nach denen ich selten frage, die Du aber eben einfach gemacht hast. Wer käme schon außer Dir auf die Idee, abends um 10 Uhr auf der Matte zu stehen und einfach mal die Wohnung umzuräumen.

Wie anders ist das Leben geworden. Wie anders der Blick auf verschiedene Dinge. Jemand hat es als eine Art Vorfreude beschrieben. Eine langfristige Vorfreude. Dich wiederzusehen. Irgendwann. Und ja, das ist es. So sehr ich mein Leben hier liebe, so sehr freue ich mich, wenn ich Dich wiedersehe. Weil Du eben ein Teil von mir bist. Und immer sein wirst.

Heute werden Sie wieder zu Dir hochsteigen, die Ballons mit unseren Wünschen. Unseren Gedanken. Unserer Traurigkeit aber auch all der Liebe und Freude. Jeder von uns hängt seinen Gedanken und Erinnerungen nach, die wie ein Schatz in unseren Herzen eingeschlossen sind. Manchmal leicht und manchmal tonnenschwer.

Die Kinder, die Dich nicht kennenlernen durften, fragen oft nach Dir. Und wenn ich dann von Dir erzähle, sind auch sie traurig, dass sie nicht die Chance haben, all die verrückten Dinge mit Dir zu erleben. Denn Du bleibst ja die, die Du warst, vor 10 Jahren.

Kleine Schwester, ich werde Dich für immer vermissen und niemals auch nur eine Erinnerung an Dich gehen lassen. Du lebst in uns weiter und ich hoffe, dass Du das weißt. Und ich bin dankbar für jede einzelne Minute mit Dir, auch wenn ich mir immer noch wünsche, es wären noch so viele mehr geworden.

Für immer

Deine große Schwester

Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.

Palmsonntag – Mutig vorangehen

Dem Text zugrunde liegt Jesu Einzug in Jerusalem am Palmsonntag – Mattäus 21, 1-11

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. Das ist der Predigttext aus Hebräer 11, 1-2 Oder einfacher ausgedrückt: Wie geht das jetzt überhaupt, mit dem Glauben? Glauben bedeutet, dass man auf etwas hofft und ganz fest darauf vertraut, dass es auch passiert. Und dass man Dinge einfach weiß, obwohl man sie nicht beweisen kann.

Wenn ich darüber nachdenke, beginne ich viele Sätze mit der Phrase „ich glaube,…“. Und mir fällt mir auf, dass das schon stimmt. Wenn ich zum Beispiel sage: „Ich glaube, dass das Wetter morgen schön wird“, habe ich tatsächlich meine Hoffnung in diesen Satz gelegt. Aber in diesem so umgangssprachlichen „ich glaube“ schwingt immer die Unsicherheit mit. Weil ich nämlich überhaupt nicht sicher weiß, oder nicht keinen Zweifel daran habe, ob das auch so eintritt und ob das so passiert. Aber ich weiß ohne Zweifel, dass ich ziemlich oft „ich glaube…“ sage, ohne, dass es etwas mit meinem christlichen Glauben zu tun hat.

Heute ist Palmsonntag. In der Schriftlesung haben wir gehört, wie Jesus nach Jerusalem kam. Wie er empfangen wurde. Wie er – ganz im Gegensatz zu allen anderen Geschichten, die wir über Jesu Wirken und Auftreten kennen – auf einem Eselfohlen ritt. Wie sich etwas, das 500 Jahre zuvor bereits prophezeit worden war, bewahrheitete. Jesus ritt durch eine ihn feiernde Menge.

Jesus, dieses Bindeglied zwischen Gott und Mensch, die Mitte um die wir mit unseren Fragen und Sorgen genauso schwingen, wie die Menschen in Jerusalem mit ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Jesus lässt uns erkennen, wie Gott uns gemeint hat. Wie es einmal mit uns allen werden wird. Er ist das Gewissen unserer Welt. Er selbst hat gesagt: Ich bin der Weg. Aber ist er nicht auch die Brücke, das Haus, das Schiff? Die Zeit, die Krise, die Freiheit, die Freude?

Was muss da in ihm vorgegangen sein bei diesem Einzug in Jerusalem? Ging es doch bei ihm nicht um Glauben, sondern um Wissen. Er wusste, was geschehen wird. Er wusste, was er würde durchleiden müssen. Er wusste, was ihn erwartet. Viele sehen in diesem Bericht die Freude der Menschen in Jerusalem – und die war ganz sicher immens. Jubelschreie, Willkommensrufe, echte Freude, Hoffnung.

Ich sehe aber viel präsenter, fast greifbar, unheimlich viel Mut. Jesus hatte so viel Mut. Der Prophet Sacharja hatte angekündigt, ein König werde kommen, er werde auf einem Esel reiten und so tut Jesus genau dies: Er beansprucht die Rolle des Königs und geht nicht wie immer sonst zu Fuß, sondern er reitet auf einem Esel ein. Kann er da in diesen Momenten überhaupt klar denken? Ist das einfach alles ins Rollen geraten, was nun einmal geschehen muss und er muss nun einmal dadurch? Wie ist das wohl für ihn? Wie geht es ihm da jetzt gerade?

Wenn ich darüber nachdenke, wann ich besonders mutig sein musste, weiß ich, dass dem voraus sehr oft Angst gegangen ist. Sorge. Was ist, wenn…? Schnelle Atmung, Herzrasen. Dann der Moment, in dem ich mutig sein muss. Schaffe ich es und mache es einfach oder lasse ich diesen Adrenalin-Moment vergehen und mache es nicht, mit dem Gefühl versagt zu haben, feige gewesen zu sein? Es sind wenige Sekunden, in denen ich die Entscheidung zwischen Mut und Rückzug treffe und erst im Rückblick gesehen kann ich das dann verstehen. Bewerten. Zuordnen.

Wenn ich darauf schaue, auf das, was da vor Jesus lag, bewundere ich diesen Mut noch viel mehr. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er das alles für mich auf sich genommen hat. Für mich und Dich. Für uns. Für das Leben.

Meine Mut-Situationen sind ja ganz andere. Und jeder von uns hat ein anderes Mut-Empfinden. Was dem einen fast schon tollkühn-mutig vorkommt, ist für den anderen kaum ein Schulterzucken wert. Der Eine braucht Mut für bestimmte Gespräche, die Andere für bestimmte Entscheidungen. Mut, etwas Neues zu beginnen und Mut, etwas durchzuhalten. Mut, seine Meinung zu vertreten und manchmal sogar Mut, von der Zukunft zu träumen. Und das ist gut, denn nicht jeder von uns muss jeden Weg beschreiten, nicht jeder muss allen Mut in sich bündeln – wir können unseren Mut aufteilen und uns gegenseitig helfen, mutig zu sein. Wir können uns mit gegenseitiger Hilfe und Zuspruch und Unterstützung unsere Leben schon ganz schön erleichtern.

Denn unser Leben plätschert nicht einfach so dahin. Dazu ist es viel zu kostbar, dieses uns geschenkte Leben. Es gibt so viele Dinge an diesem zerbrechlichen Konstrukt, die wir mit unserem begrenzten Verstand nicht begreifen können. Es gibt so vieles, was uns in nichts als Staunen versetzt, wenn wir es zu ergründen versuchen. Kommt ein Baby auf die Welt, staunen wir nicht selten über die Perfektion menschlichen Lebens. Neuen Lebens. Geht ein Leben zu Ende schauen wir ehrfurchtsvoll zu der Schwelle, die auch wir eines Tages überschreiten werden. Und wir begreifen es doch nicht.

Wenn ich meine Kinder in die Schule bringe und meine Hunderunde anhänge, komme ich an einem noch recht frischen Kreuz am Straßenrand vorbei. Es bewegt mich. Es passiert dort viel. Fotos werden aufgehängt, Erinnerungen niedergelegt. Und an einem Morgen schwebt dort ein Luftballon. Happy Birthday steht darauf. Sonst bin ich jedesmal berührt, wenn ich vorbeigehe. Dieses Mal bleibe ich stehen und lasse meine Tränen, die da kommen, einfach laufen. „Ein erstes Mal“, denke ich. Ein erster Geburtstag ohne. Ein erstes Fest, ein erstes Ereignis, ein erstes Mal von so vielen ersten Malen, die noch kommen werden. Wieviel Mut erfordert das Leben manchmal… Lebensmut.

Jesus vertraut bei seinem mutigen Weg durch die freudige Menge auf Gottes Versprechen und dieses Vertrauen gibt ihm wohl den Mut für jeden Schritt und jedes Wort.

Vielleicht erkennen wir in diesem schweren Gang auch einiges, was uns nun schon so lange bewegt. Sehnsucht, dass Einschränkungen gelockert werden können. Hoffnung, dass Politiker und Wissenschaftler nicht aneinander vorbeireden und uns noch ratloser zurücklassen, sondern einen guten Weg finden, Gesundheit und Bewegungsfreiheiten ganz langsam miteinander zu verbinden. Und Mut, diesen Weg weiter zu gehen. Aber was haben wir auch für eine Wahl?

Damals mussten die Menschen begreifen, dass es nicht so kommen sollte, wie sie geglaubt hatten. Jesus wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde gekreuzigt und stand vom Tode wieder auf. Er veränderte die Welt. Auch wir werden uns verändern durch diese Krise. Unsere Hoffnungen verändern sich. Und wir brauchen ganz schön viel Mut. Diese Krise kostet uns Kraft. Wir hören jeden Tag neue Meldungen rund um die Pandemie, aber da sind auch noch so viele andere Nachrichten. Die Wirtschaft, das Klima, das Gesundheitswesen… und bei all diesen Nachrichten haben wir die Landesgrenze noch nicht einmal überschritten… Es ist bedrückend, aber wir sind nicht machtlos. Wir brauchen „nur“ Mut.

Und ja, es erfordert viel Mut. Aber wir sind auf diesem Weg nicht allein. Jesus hat den Weg für uns gebahnt. Er ist durch die Tiefen des Leidens, durch den Tod und weiter in ein neues Leben gegangen. Er hat den Weg für uns beschritten und je mehr ich darüber nachdenke, umso froher wird mir ums Herz: Denn ja, ich glaube fest daran, dass er mich am Ende mit offenen Armen erwarten wird. Und dass sich jeder noch so steinige Weg lohnt. Ich zweifle nicht an diesem unglaublichen Leid, das Jesus doch für mich ertragen hat.

Aber – ja, es gibt ein Aber: Ich brauche Hilfe, um mutig zu sein. Um den Adrenalin-Moment in die richtige Richtung zu drehen. Ich brauche Hilfe um zu erkennen, wann ich mutig sein muss oder darf und wann ich vielleicht zu tollkühn bin. Wir gehen auf Ostern zu. Es geht darum dass das Leben den Tod besiegt. Aber erst einmal müssen wir das aushalten. Mutig aushalten, dass es das Leid gibt, damit wir wirkliche Hoffnung spüren und davon reden können.

Dietrich Bonhoeffer schrieb dazu: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.