Schluss mit hätte, könnte, müsste…

Dafür ist einfach keine Zeit mehr! Wir müssen JETZT handeln. Wir müssen JETZT reagieren. JETZT Vorbild sein und JETZT die Richtung bestimmen.

Seit längerer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, was genau meine Aufgabe im Kampf gegen die Klimakrise ist. Wie ich zur Bewahrung der Schöpfung beitragen kann und will. Wo ich meinen Beitrag leisten kann, diese Erde auch für meine Kinder zu bewahren, zu erhalten.

Vor einigen Wochen habe ich diesen Test gemacht, wie groß wohl mein ökologischer Fußabdruck ist. Kennst Du das, wenn Du plötzlich in einem Buch etwas Beängstigendes oder Erschreckendes liest und Dein erster Impuls darin besteht, die Seite zuzuschlagen? So ging es mir in dem Moment. Uff, dachte ich. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Seitdem rattert es in mir, ohne dass ich groß mit jemandem darüber gesprochen habe. Denn jede Änderung betrifft mich nicht als Einzelperson – meine ganze Familie hängt ja mit dran.

Wie könnten wir uns ernährungstechnisch anders aufstellen? Wo könnten wir Wege mit dem Auto sparen? Wo könnten wir nachhaltiger einkaufen? Was könnten wir hier zu Hause verbessern? Und was davon können wir uns rein praktisch finanziell überhaupt leisten?

Immer, wenn die Gedanken zu konkret wurden, habe ich sie wieder ein paar Tage weiter vor mir hergeschoben. Diese Pandemie hat ja schließlich lautstark gefordert, dass ich alles mögliche über das Internet bestelle. Dass ich uns alle mit gutem und reichhaltigem Essen belohne, wo schon nichts anderes möglich war. Oder war das doch wieder nur mein Kopf?

Tja, und jetzt ist Juli. Die katastrophalen Bilder von diesen Wassermassen bleiben im Kopf und im Herzen. Was kann ich jetzt aktiv tun? Beten. Ja, das tue ich. Aber mit welchem Inhalt soll ich mich eigentlich an Gott wenden? Was erwarte ich denn jetzt von ihm? Ich helfe nach Kräften mit, den Karren vor die Wand zu fahren und er soll es jetzt richten? Nein, das kann wohl kaum mein Weg sein. Aber ich bitte ihn darum, mir Besonnenheit zu schenken. Und mir zu helfen, mich richtungweisend auf den Weg zu machen. Ich bete für all die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Die vor dem Nichts stehen. Die Angehörige verloren haben. Denen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht. Ich bin demütig. Dieses Mal hat es mich nicht getroffen. Aber dieses sonst so erfüllende, warme Gefühl der Dankbarkeit möchte ich mir nicht gestatten. Nicht auf dem Rücken so vieler anderer. Ich möchte so gerne JETZT etwas tun und fühle mich so hilflos.

Die Bundestagswahl, die als irgendwie richtungweisend vor der Tür steht, bereitet mir mehr Kopfzerbrechen, als jemals eine Wahl zuvor. Auch hier habe ich eine Verantwortung. Eine klitzekleine, aber sie lastet so schwer auf meinen Schultern, weil es für mich gerade nicht DIE Entscheidung gibt. Es erschreckt mich, aber ich traue das niemandem der aktuell gegeneinander kämpfenden Parteien und Kandidaten zu. Niemandem. Und jetzt?

Schon wieder ein Fragezeichen. Wo also fange ich jetzt an? Gestern Abend habe ich den sehr emotionalen Beitrag bei Maybrit Illner von Eckart von Hirschhausen gesehen. Das hat mich bis ins Mark ergriffen. Ja, er hat Recht, wir müssen JETZT was tun und wir werden es nur GEMEINSAM schaffen. Wie aber schafft man Gemeinsamkeit, wenn doch so viele hier gerade dabei sind, sich selbst abzuschaffen? Deren offensichtlich einziger Lebensinhalt aus Widerstand besteht? Covid19 – gibts nicht! Impfung – brauchen wir nicht! Klimakrise – ihr habt doch nen Knall!

Es geht schon lange nicht mehr darum, wer der Gute in diesem Spiel ist und wer der Schlechte. Und auch nicht darum, dass sich Wenige über Viele erheben. Es geht um die Erhaltung unserer Lebensgrundlage. Wenn wir diese nicht erhalten, sind Gut und Böse nämlich in absehbarer Kürze egal. Verpufft.

Unser Leben ist kaum ein Atemhauch in der Geschichte der Welt und doch richtet er so viel Schaden an. Warum schaffen wir es nicht, all diese Fähigkeiten in Gutes zu verwandeln? Und warum verschließen wir die Augen einfach vor dem, was sich gerade vor unserer Nase abspielt? Ich habe dieses Bild für den Beitrag ausgewählt, weil er so beeindruckend zeigt, worüber wir sprechen. Viel Wasser. Viel Himmel, wenig Land dazwischen. Nicht einmal ein Drittel des Bildausschnitts. Und doch so unglaublich bedeutend.

Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit über einem Jahr in der Stadt. In Köln. Es war relativ voll. Die Masken spielten nur noch eine begleitende Rolle – lästiges Übel in den Geschäften. Enge, die früher ganz normal war, fühlte sich nicht gut an. Und das nicht nur wegen dieses Virus, sondern einfach, weil da plötzlich viel mehr Misstrauen ist. Wer ist eigentlich mein Gegenüber? Mit welcher Weltanschauung geht er so durch die Welt? Und ich? In der Altstadt pöbelte mich ein Mann an. Ein ungepflegter Mann. Auf einem Niveau weit unterhalb der Gürtellinie. Und ich stand da und wusste nichts zu erwidern. Lange habe ich so etwas nicht erlebt. Und dann stand ich da mit meinem Studium. Soziale Arbeit studiere ich und habe nichts zu erwidern? Das Leben lässt keinen Raum für lange Vorbereitungen. Es passiert JETZT. Und wenn ich jetzt nichts erwidern kann, lasse ich Chancen verstreichen. Chancen, die für meine Kindern wichtig sind. Für mein Leben. Für unsere Erde. Unsere einzige Erde.

Die Kunst der kleinen Schritte – Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) hat dieses Gebet vor so vielen Jahren bereits geschrieben und ich finde es gerade so unglaublich passend:

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin. Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung, schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuß. Laß mich erkennen, daß Träume alleine nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt. Ich weiß, daß sich viele Probleme dadurch lösen lassen, daß man nichts tut. Gib, daß ich warten kann. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“

Und so gehe ich jetzt los. In kleinen Schritten nach vorn, aber nicht wieder zurück. Mit Rückschlägen. Mit Sorgen oder Zweifeln, aber weiter vorwärts. Und am liebsten wäre mir, Du würdest mitgehen. Und Du auch. Und mir helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Zu erkennen, wo ich strauchle. Meine Kraft soll Deine sein. Damit wir gemeinsam JETZT das Richtige tun können. Miteinander. Füreinander.

Dieser liebevolle Blick…

…mit dem ich meine Kinder ansehe. Dieser Blick, der alle Kritik, die manchmal von außen auf uns einströmt, ausblendet. Dieser Blick, der nur den kleinen Menschen sieht. Mit all den Stärken und Schwächen, der genauso gedacht war, wie er jetzt ist und gerade wird. Dieser Blick, der genauso schnell Pfeile in Angreiferrichtung schleudern kann, wenn jemand diese Kinder angreift, oder ungerecht behandelt oder vorschnell verurteilt. Dieser mitfühlende und wissende Blick, wenn diese Kinder zum ersten Mal Dinge durchmachen müssen, die ich auch von früher kenne. Es ist mein Mutterblick. Der, der mich manchmal verklärt und es mir schwierig macht, nicht voreingenommen zu sein. Dieses Wissen, dass ich immer mit einem offenen Ohr für diese Kinder da sein werde. Dass ich für jedes Problem eine Lösung finden möchte. Oder dass ich diese Kinder zumindest begleiten möchte, wenn sie schwierige Wege gehen müssen. Das alles macht Mutter-sein mit mir.

Und irgendwann ist man dann groß. Man braucht ein gutes Selbstbewusstsein, um alle möglichen Worte und Taten an sich abprallen zu lassen. Um Dinge anzugehen, für die man vielleicht nicht so viel Rückendeckung bekommt. Und man vergisst total oft, dass da doch immer jemand ist, der auch mich und Dich noch mit diesem liebevollen Blick ansieht. Weil er mich und Dich genauso wollte, wie wir sind. Mit den Entscheidungen, die wir treffen. Mit den Äußerlichkeiten, die wir manchmal nicht leiden können. Mit den Gedanken, die in unseren Köpfen kreisen. Mit den Zweifeln. Und Ängsten. Mit dem strahlenden Lachen. Mit den starken Händen. Mit den trainierten oder nicht trainierten Muskeln, die uns durchs Leben tragen. Mit dem tollen oder dem nicht so tollen Bindegewebe. Mit den Falten um die Augen, ob vom Lachen oder von den Sorgen. Er sieht mich gerade jetzt mit diesem liebevollen Blick an. In meiner Phantasie zieht er dabei manchmal die Augenbraue ein wenig hoch, aber er bleibt mir liebevoll zugewandt.

Das – mir ganz bewusst gemacht – ist ein großes Geschenk. Denn so darf ich meine eigenen Fehler machen, die mir andere schon prophezeit haben. Wenn ich meine, ich muss das ausprobieren, bin ich trotzdem nicht allein. Gott begleitet mich. Gott ist manchmal der einzige, der mir liebevoll zugewandt bleibt. Ich kann mich noch so allein fühlen, ich falle nie tiefer als in Gottes Hand. Ich mochte diesen Satz nie besonders, weil er oft so gesagt wird, wenn man selbst keine Idee mehr zum Helfen hat. Oder kein Verständnis mehr für den anderen. Man macht es sich irgendwie leicht, wenn man jemand anderem sagt: „Du fällst nie tiefer als in Gottes Hand.“ Zack – ist Mensch raus aus der Verantwortung.

Aber wenn ich da jetzt so weiter drüber nachdenke, ist es einer der tröstlichsten Sätze, die ich mir gerade für mich vorstellen kann. Es lässt mein Herz höher schlagen, wenn ich mir wirklich bewusst mache, dass Gott mich hält und leitet, dass er mir liebevoll zugewandt bleibt und auch die dummen Erfahrungen begleitet.

Wie könnte mein Herz also nicht singen? Wie könnte ich nicht von ganzem Herzen dankbar sein für dieses Leben, das er mir geschenkt hat? Ich darf Fehler machen. Ich darf straucheln. Ich darf wieder aufstehen und weiter gehen. Und all das nie allein, auch wenn die Menschen an meiner Seite vielleicht nicht immer mitgehen. So abstrakt das für manchen auch klingen mag – für mich war es die tröstlichste und beste Erkenntnis eines Tages, der geprägt war von Gedankenschwere, Ungeduld und ein wenig Wehmut. Er klingt jetzt um einiges froher aus, dieser Tag…

Und jetzt?

Heute kam die E-Mail. Und die Info der Kreisverwaltung. Und Nachrichten im Klassenchat. Und in privaten Chats. Überall stehen die Zeichen auf Normalität. Die Schule geht wieder los. In voller Klassengröße. Jeden Tag.

Der Newsletter vom Kindertheater lädt ab Juni wieder ein. Die Läden öffnen. Sport ist wieder möglich. Nach 22 Uhr das Haus zu verlassen ist wieder erlaubt. Kinos sollen öffnen. Erste Freizeitangebote sind wieder nutzbar. Und gerade heute habe ich diese Schnecke fotografiert, die mir auf der Morgenrunde über den Weg kroch. Ich habe darüber schon in einem anderen Kontext geschrieben, aber jetzt ist sie schon wieder hier, die Schnecke.

Es geht auf einmal so schnell. Wochenlang, monatelang haben wir gewartet, gemeckert, ausgehalten, gezweifelt, geschimpft, gehofft, Mut gemacht, Ängste geteilt, improvisiert, neu erfunden, anders gemacht. Wir wurden vertröstet, enttäuscht, oft nicht Ernst genommen und am Ende dann doch GEIMPFT! Und wenn bisher noch nicht, so denn in Bälde.

Und ich wünsche mir gerade dieses Schneckenhaus. Möchte erstmal abwarten, wie das so ist, wenn man wieder in größerem Radius unterwegs ist. Menschen trifft. Abstände verringert. Wie wird das sein? Werden wir etwas von der Rücksicht, die viele von uns in den letzten Monaten genommen haben, beibehalten? Werden wir abgehängt, wenn wir nicht wieder auf das gleiche Pferd wie früher aufspringen wollen? Werden wir wirklich so schnell wieder vergessen, dass wir doch geplant hatten, an mancher Stelle nicht wieder anzuknüpfen, sondern einen neuen Weg einzuschlagen? Und was ist, WENN wir das tun? Werden dann die anderen den gemeinsamen Weg abbrechen? Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht umkehren. Es gibt kein Zurück. Es ist anders und es bleibt anders. Und ich will eigentlich auch nicht umkehren. Eigentlich. Aber um das herauszufinden, würde ich gern nochmal eine Weile in das Schneckenhaus. Wenn ich einen Großteil der Sorgen und Ängste der vergangenen Monate dort rauskehren kann, könnten ja jetzt endlich die produktiven und guten neuen Gedanken einziehen. Die, die mich weiterbringen sollen.

In meinem Kopf spuken eine Menge Pläne und konkrete Vorstellungen herum. Viele Dinge, die ich gern kurz- oder langfristig umsetzen möchte. Aber so unsortiert. Nächste Woche wird es also still im Haus. Vormittags. An drei Tagen. Ich nehme mir vor, den Computer ausgeschaltet zu lassen. Wirklich nur das Gedankenchaos zu sortieren. Um den Weg wieder zu erkennen. Und damit meine ich nur MEINEN Weg. Wohin mit dem Studium. Welche Weiterbildungen sind sinnvoll. Welche Themen finde ich zwar spannend, aber nicht so sehr, dass ich meine knappe Zeit hineinstecken möchte. Was kann ich ggf. noch später anfangen? Was bringt mich wirklich weiter? Welche Bewerbungen machen schon Sinn, welche nicht. Was möchte ich in meinem zukünftigen Berufsleben tun. Mit wem möchte ich arbeiten. Für wen. Und inwiefern habe ich überhaupt einen Einfluss darauf.

Zwischendurch wird sich mir immer wieder die Frage stellen, warum ich erst so spät angefangen habe, mich endlich auf meinen Weg zu machen. Weil ich halt jetzt schon alt bin. Ich kann nicht mehr so viele Sachen ausprobieren, bevor ich meinen Platz gefunden haben sollte. Vielleicht setze ich mich auch viel zu sehr unter Druck, jetzt nur noch richtige Entscheidungen zu treffen. Und vielleicht bin ich gerade auch schon mitten in diesem Prozess, den ich doch erst nächste Woche anstoßen wollte. Und vielleicht fühle ich mich gerade total unruhig und seltsam.

Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich so schon länger. Ich greife viel zu oft zu meinem Handy. Meine Gedanken lassen sich so schwer fokussieren. Ich bin unkonzentriert. In den Vorlesungen erwische ich mich im Chat mit Kommilitonen oder in der Burger-Braterei auf meinem Smartphone. Ich schaue auf die Uhr auf meinem Handy und checke kurz Social Media auf allen Kanälen, lege das Handy wieder weg, natürlich ohne die Uhrzeit zu wissen. Ich sitze auf dem Sofa nur auf der Kante. Zum Aufspringen bereit. Und morgens komme ich kaum aus dem Bett. Was ist nur los mit mir in letzter Zeit? Rastlos und doch bleischwer. Optimistisch und doch irgendwie gelähmt. Ich habe mich selten so zerrissen gefühlt.

In den vergangenen Wochen war es mehr denn je das Essen, das ich auserkoren hatte, um die Stimme in mir zum Schweigen zu bringen. Und damit natürlich das altbekannte Thema Übergewicht erneut heraufbeschworen. Mein Bruder sagte letzte Woche zu mir: Nimm es hin wie es ist. Du hast so viel um die Ohren, du wirst das jetzt nicht auch noch schaffen. Und dieser kleine Satz hat so viel in mir bewegt. Es war seit langer Zeit ein erstes Mal, dass da kein unterschwelliger Vorwurf war. Kein „du musst aber“. Sondern ein gesehen werden. Danach war mir erstmal zum Weinen. Und so langsam fange ich an, das zu akzeptieren. Das tut gut, irgendwie. Gesehen werden. Und das auch ausgesprochen zu hören. Denn ja, das muss ich mir selbst auch auf die Fahne schreiben, oft sehen wir, sagen aber nichts. Und jetzt werfe ich damit um mich. Mit Anerkennung. Für andere. Die wirklich viel leisten und die darauf auch stolz sein sollen und dürfen. Und ich mache mich damit gar nicht schlechter, nein, ich lerne, dass auch ich manches tue, das Anerkennung verdient. Bei mir selbst ist es eben nur ein viel längerer Prozess…

So, und jetzt habe ich aus dieser kleinen Schnecke wohl alles heraus geholt. Ich würde mich freuen, wenn Du mir schreibst, was Dich gerade so bewegt. Ob es Dir plötzlich auch zu schnell geht? Oder genau im richtigen Moment kommt? Was Du für Pläne hast? Das muss übrigens nicht als Kommentar hier oder in Social Media sein, sondern gern auch ganz privat unter: amelie1ortmann@gmail.com

Lass uns losgehen und herausfinden, wie es so weiter geht. Ich freu mich, dass Du dabei bist!

Mama

Heute ist Muttertag und im Internet ist es – wie so oft mit Dingen, die für den Einen etwas Schönes und für den Anderen etwas Schlimmes bedeuten – laut. Um diesen Tag. Darum ob man ihn feiern darf oder nicht. Ob es einen Tag für Mütter geben muss. Ob der Elterntag heißen müsste oder ob er nicht viel schaden anrichtet bei denjenigen, die gern Mutter wären, es aber aus vielen Gründen nicht sind. Und was mit jenen ist, die ein zerrüttetes Verhältnis zur und schlimme Erfahrungen mit der eigenen Mutter haben. Oder mit jenen, die jetzt gerade aktuell aus welchen Gründen auch immer nicht die Mutter sind oder sein können, die sie sollten oder sein wollen. Und all das hat seine Berechtigung und für all diese Dinge sollte es auch einen Tag geben oder zumindest einen Ort, an dem man Hilfe und Gehör findet. Aber für mich ist heute Muttertag.

Ich freue mich unheimlich über die Geschenke, die meine Kinder mir heute gemacht haben. Für den Frühstückstisch, der liebevoll gedeckt war und das ganze Zimmer, das so schön geschmückt war. Darüber, dass sie sich vornehmen, sich heute nicht zu streiten und darüber, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht haben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Ich durfte diese drei Wesen zur Welt bringen. Sie wurden mir kerngesund und quietschfidel geschenkt. Wahnsinn.

Aber das Geschenk meines eigenen Lebens verdanke ich meiner Mama. Sie begleitet mich nun schon – tatsächlich – mein ganzes Leben lang. Von ihr habe ich all die Dinge gelernt, die ich heute an meine eigenen Kinder weitergebe und weitergeben möchte. Meine Mama hat mich durch den ersten und viele weitere Liebeskummer begleitet. Sie war da, wenn sich mein Leben auf vielerlei Weisen komplett umkrempelte. Manchmal wollte ich von ihr lernen, wie man etwas macht und manchmal konnte ich auch erleben, wie man etwas besser nicht macht. Sie findet nicht annähernd alles richtig, was ich tue, und das geht mir andersrum genauso. Und doch ist da immer diese tiefe Liebe, der Respekt und die Freundschaft, die uns verbindet.

Mama – Du hast an mich geglaubt und mir geglaubt, wenn es kein anderer tat. Du hast die abenteuerlichsten Sachen unterstützt. Du hast getobt und gebrüllt ohne auch nur einmal die Hand zu erheben. Du hast bis heute diesen Blick, der mir auch ohne Worte sagt, was du gerade denkst. Du hörst dir an, was ich zu sagen habe und sagst mir, wann ich auch mal nichts zu sagen haben sollte.

Dank Dir stehe ich jetzt hier, wo ich stehe. Mit drei gesunden Kindern an der Hand. Du wärst auch den anderen Weg mit mir gegangen. Hast alle Termine mit mir wahrgenommen. Hast mich begleitet, als ich dachte, das wäre der richtige Weg. Hast mit mir vor Erleichterung geweint, als ich dann doch diese ganz andere Entscheidung für das Leben in mir treffen konnte. Dir verdanke ich, dass ich immer wusste, dass ich meine eigene Entscheidung getroffen habe. Und ich wusste immer, dass Du an meiner Seite sein würdest.

Heute ist Muttertag und ich bin so dankbar, dass ich Dich habe, Mama. Dass Du an meiner Seite bist. Dass ich Dich anrufen kann, wenn ich nicht weiter weiß. Für die Freundschaft, die uns heute auch verbindet. Dafür, dass es mich gibt und meine Geschwister. Dafür, dass es so viel gibt, das wir weitergeben können, auch wenn es so viele Steine auf dem Weg gab.

DANKE

Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.

Palmsonntag – Mutig vorangehen

Dem Text zugrunde liegt Jesu Einzug in Jerusalem am Palmsonntag – Mattäus 21, 1-11

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. Das ist der Predigttext aus Hebräer 11, 1-2 Oder einfacher ausgedrückt: Wie geht das jetzt überhaupt, mit dem Glauben? Glauben bedeutet, dass man auf etwas hofft und ganz fest darauf vertraut, dass es auch passiert. Und dass man Dinge einfach weiß, obwohl man sie nicht beweisen kann.

Wenn ich darüber nachdenke, beginne ich viele Sätze mit der Phrase „ich glaube,…“. Und mir fällt mir auf, dass das schon stimmt. Wenn ich zum Beispiel sage: „Ich glaube, dass das Wetter morgen schön wird“, habe ich tatsächlich meine Hoffnung in diesen Satz gelegt. Aber in diesem so umgangssprachlichen „ich glaube“ schwingt immer die Unsicherheit mit. Weil ich nämlich überhaupt nicht sicher weiß, oder nicht keinen Zweifel daran habe, ob das auch so eintritt und ob das so passiert. Aber ich weiß ohne Zweifel, dass ich ziemlich oft „ich glaube…“ sage, ohne, dass es etwas mit meinem christlichen Glauben zu tun hat.

Heute ist Palmsonntag. In der Schriftlesung haben wir gehört, wie Jesus nach Jerusalem kam. Wie er empfangen wurde. Wie er – ganz im Gegensatz zu allen anderen Geschichten, die wir über Jesu Wirken und Auftreten kennen – auf einem Eselfohlen ritt. Wie sich etwas, das 500 Jahre zuvor bereits prophezeit worden war, bewahrheitete. Jesus ritt durch eine ihn feiernde Menge.

Jesus, dieses Bindeglied zwischen Gott und Mensch, die Mitte um die wir mit unseren Fragen und Sorgen genauso schwingen, wie die Menschen in Jerusalem mit ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Jesus lässt uns erkennen, wie Gott uns gemeint hat. Wie es einmal mit uns allen werden wird. Er ist das Gewissen unserer Welt. Er selbst hat gesagt: Ich bin der Weg. Aber ist er nicht auch die Brücke, das Haus, das Schiff? Die Zeit, die Krise, die Freiheit, die Freude?

Was muss da in ihm vorgegangen sein bei diesem Einzug in Jerusalem? Ging es doch bei ihm nicht um Glauben, sondern um Wissen. Er wusste, was geschehen wird. Er wusste, was er würde durchleiden müssen. Er wusste, was ihn erwartet. Viele sehen in diesem Bericht die Freude der Menschen in Jerusalem – und die war ganz sicher immens. Jubelschreie, Willkommensrufe, echte Freude, Hoffnung.

Ich sehe aber viel präsenter, fast greifbar, unheimlich viel Mut. Jesus hatte so viel Mut. Der Prophet Sacharja hatte angekündigt, ein König werde kommen, er werde auf einem Esel reiten und so tut Jesus genau dies: Er beansprucht die Rolle des Königs und geht nicht wie immer sonst zu Fuß, sondern er reitet auf einem Esel ein. Kann er da in diesen Momenten überhaupt klar denken? Ist das einfach alles ins Rollen geraten, was nun einmal geschehen muss und er muss nun einmal dadurch? Wie ist das wohl für ihn? Wie geht es ihm da jetzt gerade?

Wenn ich darüber nachdenke, wann ich besonders mutig sein musste, weiß ich, dass dem voraus sehr oft Angst gegangen ist. Sorge. Was ist, wenn…? Schnelle Atmung, Herzrasen. Dann der Moment, in dem ich mutig sein muss. Schaffe ich es und mache es einfach oder lasse ich diesen Adrenalin-Moment vergehen und mache es nicht, mit dem Gefühl versagt zu haben, feige gewesen zu sein? Es sind wenige Sekunden, in denen ich die Entscheidung zwischen Mut und Rückzug treffe und erst im Rückblick gesehen kann ich das dann verstehen. Bewerten. Zuordnen.

Wenn ich darauf schaue, auf das, was da vor Jesus lag, bewundere ich diesen Mut noch viel mehr. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er das alles für mich auf sich genommen hat. Für mich und Dich. Für uns. Für das Leben.

Meine Mut-Situationen sind ja ganz andere. Und jeder von uns hat ein anderes Mut-Empfinden. Was dem einen fast schon tollkühn-mutig vorkommt, ist für den anderen kaum ein Schulterzucken wert. Der Eine braucht Mut für bestimmte Gespräche, die Andere für bestimmte Entscheidungen. Mut, etwas Neues zu beginnen und Mut, etwas durchzuhalten. Mut, seine Meinung zu vertreten und manchmal sogar Mut, von der Zukunft zu träumen. Und das ist gut, denn nicht jeder von uns muss jeden Weg beschreiten, nicht jeder muss allen Mut in sich bündeln – wir können unseren Mut aufteilen und uns gegenseitig helfen, mutig zu sein. Wir können uns mit gegenseitiger Hilfe und Zuspruch und Unterstützung unsere Leben schon ganz schön erleichtern.

Denn unser Leben plätschert nicht einfach so dahin. Dazu ist es viel zu kostbar, dieses uns geschenkte Leben. Es gibt so viele Dinge an diesem zerbrechlichen Konstrukt, die wir mit unserem begrenzten Verstand nicht begreifen können. Es gibt so vieles, was uns in nichts als Staunen versetzt, wenn wir es zu ergründen versuchen. Kommt ein Baby auf die Welt, staunen wir nicht selten über die Perfektion menschlichen Lebens. Neuen Lebens. Geht ein Leben zu Ende schauen wir ehrfurchtsvoll zu der Schwelle, die auch wir eines Tages überschreiten werden. Und wir begreifen es doch nicht.

Wenn ich meine Kinder in die Schule bringe und meine Hunderunde anhänge, komme ich an einem noch recht frischen Kreuz am Straßenrand vorbei. Es bewegt mich. Es passiert dort viel. Fotos werden aufgehängt, Erinnerungen niedergelegt. Und an einem Morgen schwebt dort ein Luftballon. Happy Birthday steht darauf. Sonst bin ich jedesmal berührt, wenn ich vorbeigehe. Dieses Mal bleibe ich stehen und lasse meine Tränen, die da kommen, einfach laufen. „Ein erstes Mal“, denke ich. Ein erster Geburtstag ohne. Ein erstes Fest, ein erstes Ereignis, ein erstes Mal von so vielen ersten Malen, die noch kommen werden. Wieviel Mut erfordert das Leben manchmal… Lebensmut.

Jesus vertraut bei seinem mutigen Weg durch die freudige Menge auf Gottes Versprechen und dieses Vertrauen gibt ihm wohl den Mut für jeden Schritt und jedes Wort.

Vielleicht erkennen wir in diesem schweren Gang auch einiges, was uns nun schon so lange bewegt. Sehnsucht, dass Einschränkungen gelockert werden können. Hoffnung, dass Politiker und Wissenschaftler nicht aneinander vorbeireden und uns noch ratloser zurücklassen, sondern einen guten Weg finden, Gesundheit und Bewegungsfreiheiten ganz langsam miteinander zu verbinden. Und Mut, diesen Weg weiter zu gehen. Aber was haben wir auch für eine Wahl?

Damals mussten die Menschen begreifen, dass es nicht so kommen sollte, wie sie geglaubt hatten. Jesus wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde gekreuzigt und stand vom Tode wieder auf. Er veränderte die Welt. Auch wir werden uns verändern durch diese Krise. Unsere Hoffnungen verändern sich. Und wir brauchen ganz schön viel Mut. Diese Krise kostet uns Kraft. Wir hören jeden Tag neue Meldungen rund um die Pandemie, aber da sind auch noch so viele andere Nachrichten. Die Wirtschaft, das Klima, das Gesundheitswesen… und bei all diesen Nachrichten haben wir die Landesgrenze noch nicht einmal überschritten… Es ist bedrückend, aber wir sind nicht machtlos. Wir brauchen „nur“ Mut.

Und ja, es erfordert viel Mut. Aber wir sind auf diesem Weg nicht allein. Jesus hat den Weg für uns gebahnt. Er ist durch die Tiefen des Leidens, durch den Tod und weiter in ein neues Leben gegangen. Er hat den Weg für uns beschritten und je mehr ich darüber nachdenke, umso froher wird mir ums Herz: Denn ja, ich glaube fest daran, dass er mich am Ende mit offenen Armen erwarten wird. Und dass sich jeder noch so steinige Weg lohnt. Ich zweifle nicht an diesem unglaublichen Leid, das Jesus doch für mich ertragen hat.

Aber – ja, es gibt ein Aber: Ich brauche Hilfe, um mutig zu sein. Um den Adrenalin-Moment in die richtige Richtung zu drehen. Ich brauche Hilfe um zu erkennen, wann ich mutig sein muss oder darf und wann ich vielleicht zu tollkühn bin. Wir gehen auf Ostern zu. Es geht darum dass das Leben den Tod besiegt. Aber erst einmal müssen wir das aushalten. Mutig aushalten, dass es das Leid gibt, damit wir wirkliche Hoffnung spüren und davon reden können.

Dietrich Bonhoeffer schrieb dazu: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Ansichtssache

Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Habe ich den halben Weg geschafft oder liegt der halbe Weg noch vor mir? Bin ich zu müde zum Telefonieren oder müde genug zum Schlafen?
Es ist alles Auslegungssache. Es ist nicht einmal meine Persönlichkeit, denn je nach Laune kann das Glas, das gestern noch halbvoll war, heute tatsächlich halbleer sein.

Trotzdem glaube ich, dass ich das beeinflussen kann. Und ich glaube, dass ein Schlüssel dazu Dankbarkeit heißt.

Ich hole ein wenig weiter aus. Ich bekomme eine Nachricht, über die ich mich wahnsinnig freue und möchte diese Freude mit jemandem, der mir nahe steht teilen. Dieser Mensch reagiert aber mit seiner ihm eigenen Persönlichkeit eben ganz anders darauf, als ich. Halbvolles und halbleeres Glas prallen aufeinander. Und dann tauschen sie die Rollen. Dann ist mein gerade noch halbvolles Glas halbleer. Ich bin ernüchtert. Obwohl ich doch gerade noch so euphorisch und mein Glas halbvoll war.

Ich schaffe es in der Situation nicht, das halbleere Glas meines Gesprächspartners als Chance zu sehen. Seine Sicht der Dinge in mein Gesamtbild einfließen zu lassen. In meiner Freude wünsche ich mir, dass auch er diesen Blick durch die rosarote Brille mit mir teilt. Tut er es nicht, bin ich pikiert. Traurig. Fühle mich vielleicht angegriffen oder fühle mich, als würde er mir meine Freude nicht gönnen. Aber bin ich wirklich so wichtig? Geht es meinem Gegenüber, dem ich ja die Nachricht geteilt habe, weil er mir wichtig ist, darum, missgünstig oder neidisch zu sein? Oder hat er nur eine andere Sicht auf die Dinge?

Und dann frage ich mich: Bin ich gerade auf dem richtigen Weg unterwegs? Wer bin ich, dass jede und jeder meine Sicht der Dinge teilen muss? Viele Leben sind inzwischen – gerade nach den entbehrungsreichen letzten Monaten – geteilt in ein virtuelles Leben und das echte. Mit Mitschülern, Kollegen, Familienmitgliedern verbunden über den Bildschirm. Vernetzt über unterschiedlichste Kanäle. Instagram. WhatsApp. Snapchat – oder Zoom, so wie wir jetzt gerade. Das digitale Leben, so viele Vorteile es auch hat, so viele Nachteile bringt es auch mit sich. Jeder präsentiert nur seine schönsten Bilder, sorgsam ausgesucht, zeigt seine strahlendsten Seiten. Und dann befinden wir uns schon in dem Strudel der selbstgemachten Unzulänglichkeiten. „Die Familie hat ihr Haus wunderbar renoviert und bei mir herrscht doch das Chaos.“ „Die eine Mutter hat so viel zu tun, wuppt Job und Kinder und Haus so nebenbei und sieht immer aus wie das strahlende Leben, während ich froh bin, wenn ich meine täglichen Aufgaben schaffe.“ „Der Mann geht jeden Tag joggen und macht alles am Haus selbst, während ich zwei linke Hände habe und Sport noch nie mein Ding war.“ „Die meisten tragen gerade nur noch Marke X – alles was ich habe ist also uncool, nicht mehr gefragt.“ „Die Nachbarn bekommen ständig Besuch von ihren Enkelkindern, während meine nur noch Computer spielen und nichts von sich hören lassen.“

Und so rutsche ich dann rein in ein Leben, das ja gar nicht mehr meins ist. Ich schaue so viel nach rechts und links, voller Angst etwas zu verpassen – einen neuen Trend oder den neuen hippen Designer, die angesagteste Musik – dass ich eines tatsächlich verpasse: mein eigenes Leben.

Auf der Suche nach Anerkennung, nach Teilhabe an allem, was nur irgendwie möglich ist, vergesse ich mich selbst. Obwohl das hier doch mein Platz ist. Ich bin hier nicht einfach so, ich bin hier, weil Gott es so wollte. Und besonders das ist in einer Krise wie dieser so schwer. In den eigenen vier Wänden auf Normalität wartend bleiben oft nur der Fernseher und digitale Unterhaltungsmedien. Wir können uns nicht treffen, sind oft zu müde zum Telefonieren oder sogar zu traurig. Beim Klang geliebter und schmerzlich vermisster Stimmen fühlt sich manche Entbehrung dann noch schlimmer an. Kein Wunder also, dass wir uns digital ablenken. Mal rüber schauen, was die anderen gerade so machen. Mal hören, was gerade so los ist, in der Meinungsmaschinerie. Auf welches Brett ich wohl aufspringen könnte.

Wie würde sie aussehen, hätten wir neben all den anderen Apps auf unserem Smartphone oder Tablet die Gott-App? Würde sie uns daran erinnern, dass wir mit ihm immer vernetzt sind? Würde sie uns daran erinnern, dass er uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat? Würde sie uns sagen, dass wir genau so sein sollen, wie wir sind und dass wir genau so wunderbar sind? Würde die App uns daran erinnern, wem wir diese unsere Einzigartigkeit verdanken? Gäbe es für die Gott-App ein einfaches Update, wenn die Verbindung gerade mal ruckelt?

Und: Brauchen wir wirklich so eine App, weil eben alles in unserem Leben momentan digital ist und schnelllebig? Oder finden wir ihn auch analog noch, den Weg zu unserem Vater im Himmel? Suchen wir noch nach ihm? Kennen wir noch den Weg, den Jesus für uns gegangen ist? Was hat er für uns auf sich genommen?

Und frage ich noch einmal: Brauchen wir wirklich eine solche App, die uns an unsere Verbindung zu unserem Vater im Himmel erinnert? Brauchen wir nicht vielmehr ein wenig Stille? In uns und um uns? Und wie können wir diese Stille aushalten? Jeder kennt sie, diese laute, anklagende Stille, die unbedingt will, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Und wie gern übertönen wir sie mit einer unserer vielen Apps zum Musikhören oder Videos anschauen. Und wie schaffen wir es, Stille überhaupt wieder einmal zuzulassen? Sie zu wollen? Keine Angst zu haben, in der Zwischenzeit etwas zu verpassen? Wie schaffen wir es, keine Angst vor den Gefühlen zu haben, die uns da vielleicht erwarten? Wie schaffen wir es, selbstbewusst auch mal Nein zu sagen?

Ich habe zu Beginn von dem Schlüssel geschrieben, der für mich Dankbarkeit heißt. Warum? Offenbar ist es so, dass die Dankbarkeit bei uns nicht gleich mit der Geburt vorprogrammiert ist. Wir neigen vielmehr dazu, zu murren, uns zu beklagen, schwarz zu sehen und mit vielem nicht zufrieden zu sein. Oft hören wir nicht einmal richtig zu.

Eine mittlerweile weit verbreitete Haltung ist das „Jammern auf hohem Niveau“.

Die größte Kraft des Lebens ist der Dank. Wenn wir das verinnerlichen, können wir selbst daraus ungeahnte Kräfte schöpfen – mit der Kraft und Hilfe des Höchsten selbst.

Denn wer dankt, schaut anders in die Welt und anders aus der Wäsche! Wer dankt, erlebt die Welt anders, sieht sie mit ganz anderen Augen, macht Entdeckungen, die anderen verborgen bleiben. Er entdeckt den großen Gott in der winzigen Blüte am Wegesrand. Er sieht Gott auch in den bereichernden Begegnungen mit Menschen, in der Freude an der Arbeit und in den ganz alltäglichen Dingen, die zu unserem Leben gehören: ein gutes Essen, die Freude am Garten, der Spaß an der Musik, die Geborgenheit der Familie, …

Mit dankbaren Menschen zusammen zu sein ist so angenehm, denn von ihnen geht etwas Fröhliches, Mutmachendes aus. Und dann ahnt man schon etwas von der Wahrheit: „Die größte Kraft des Lebens ist der Dank“.

Das heißt nicht, dass man niemals klagen darf oder traurig sein. Denn das würde ja dem Zeugnis Jesu komplett widersprechen. Jesus selbst war sehr traurig. Laut hat er geklagt im Garten Gethsemane. In vielen Psalmen finden wir selbst die Ermutigung, unsere echte Klage und unseren wirklichen Schmerz vor Gott zu bringen. Denn er möchte, dass wir authentisch sind, uns nicht verbiegen und vor ihm eine „fromme Show“ abziehen.

Gott geht es dabei um mich. Um meine Einstellung. Um meine innere Haltung. Darum, wie ich dem Leben begegne. Mich mit verschiedenen Situationen auseinander setze. Und da frage ich mich: Nehme ich wirklich alles aus der Hand Gottes, als ein Geschenk?

Anstatt uns viel zu oft an anderen zu orientieren, sollten wir uns vor Augen führen, wie viele Gründe zur Dankbarkeit wir ganz selbst haben. Dankbarkeit führt uns auf den Weg. Mal über Umwege, oder durch einen Kreisverkehr, oder wie stehen mal viel zu lange vor einer roten Ampel oder rauschen mit Karacho durch eine Radarfalle. Aber im Rückblick hat das alles oft einen Sinn. Und vielleicht ist heute der richtige Tag, um sich einfach mal im Spiegel zu betrachten und dankbar für sich selbst zu sein. Du für Dich und ich für mich. Denn genauso sollen wir sein. Genauso wollte er uns haben. Dich und mich. Mit unseren Stärken und Schwächen. Mit unseren Unsicherheiten und Fragen. Mit unserem Drängen und unserem Bitten. Mit all den übersprudelnden Gefühlen, die in uns schlummern, und die wir bei anderen ohnehin nicht kopieren können. Denn zum Glück sind wir einzigartig, du und ich.

Ich glaube, wenn man sein Herz vor all den Kleinigkeiten, die einem am Wegesrand begegnen, nicht verschließt, dann ist das der Grundstein für unseren eigenen Weg in der Nachfolge Jesu. Ich habe dazu in dieser Woche ein Gebet gelesen, dessen Verfasser unbekannt ist, das aber wohl aus dem 14. Jahrhundert stammt. Es lautet: Christus hat keine Hände – nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße – nur unsere Füße und Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen – nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe – nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.

Verloren in Erinnerungen

Ich will nicht jammern. Mir geht es, wie wahrscheinlich vielen von euch. Ich bin völlig überfamiliert. Lockdown, Homeschooling, Jobverlust – mein persönliches Wochenhighlight ist der Einkauf mit meiner Mama.

Ich bin eigentlich ein Mensch, der unheimlich gern alleine ist. Alleine in der Natur. Alleine am Meer. Ich liebe meine Erinnerungen. Ich liebe meine Traumwelt. Ich liebe meine eigene Phantasie. Schon als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben. Und sehr früh wurden sie Rosamunde-Pilcher-mäßig kitschig und romantisch. Traumprinzen. Und ja, ich liebe es heute noch, meine eigenen Geschichten zu lesen. Wieder und wieder.

Manchmal begegnet mir irgendwo jemand, der zum Beispiel einen Blick hat, der mir in Erinnerung bleibt. Oder der sich ins Haar greift, was irgendwas in mir auslöst. Oder ich lese eine Zeile und habe genau dazu ein Bild vor mir. Manchmal verschwimmen diese Eindrücke mit alten Erinnerungen und werden dort zu Wunsch-Erinnerungen. Manchmal entsteht auch etwas ganz Neues daraus. Ich liebe es, mir romantische Geschichten auszudenken.

Und manchmal hänge ich dann dort fest. In meinen Erinnerungen. Kürzlich ist mir zum Beispiel eingefallen, wie ich meinen allerersten Freund hatte. Wobei das eigentlich zuviel gesagt ist. Wir waren gemeinsam in der Tanzschule. Ich habe ihn zu meiner Geburtstagsparty eingeladen, die ich mit einer Freundin gefeiert habe. Es muss unser 15. Geburtstags gewesen sein. Er kam dorthin und hat mir Shakespeares Sommernachtstraum geschenkt und Romeo & Julia. Ich habe diese Bücher immer noch. Naja, kurz darauf hat er mich gefragt, ob ich mit ihm gehen will. Und das war so anders, als ich es mir erträumt hatte. Ich habe mich dann am Telefon einfach verleumden lassen. Bis er nicht mehr angerufen hat. Und ich schäme mich bis heute dafür. Wahrscheinlich denkt er gar nicht mehr an mich, und ich würde mich heute noch so gern entschuldigen…

Und so ist das mit mir und meinen Erinnerungen. Darüber könnte ich noch viele weitere Seiten füllen und vielleicht werde ich das auch. Aber als wichtigste Essenz bleibt wohl, dass immerhin diese Erinnerungen und Gedanken nur mir allein gehören. Um vielleicht irgendwann auf irgendeine Weise aufgeschrieben zu werden. Wer weiß…