Ich bin von Gott gewollt. Und DU auch!

Dieser Predigt ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zugrunde gelegt. Vor allem aber 1. Mose 50, 15-21:

Als ich gelesen habe, welcher Predigtext für heute, den 4. Sonntag nach Trinitatis vorgesehen ist, habe ich mich sehr gefreut. Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern habe ich vor vielen Jahren als Musical gesehen. Ich muss ungefähr 14 Jahre alt gewesen sein, als mein Vater meine Schwester und mich mitnahm zu unserem ersten Abend dieser Art. Unser erster Musical-Besuch. Alles war so besonders. Die Menschen waren alle schick angezogen, wir waren aufgeregt und warteten ungeduldig auf unseren Plätzen auf den Beginn. Und dann wurde es dunkel und wir erlebten staunend und mitfiebernd einen sehr besonderen Abend, von dem ganz besonders dieses unheimlich tolle, bunte, regenbogenfarbene Kleid von Josef in Erinnerung blieb. Was für ein kraftvoller und guter Text für unseren ersten Live-Gottesdienst, nach so vielen Monaten vor dem Bildschirm. Ich höre den Joseph da auf der Muscial-Bühne fast noch singen:

Die Augen zu, der Vorhang offen,
Ich sah betroffen, was ich längst gespürt.
Weit, weit von hier gab’s Leid und Kummer,
Alles lag im Schlummer
Wie vom Traum verführt.

Ich trug mein Kleid, das goldbemalte,
Sein Muster strahlte wundervoll verziert.
Ein Sonnenstrahl im Osten lachte,
Und die Welt erwachte wie vom Traum verführt.

Ein Schuss aus Klang, ein Fluss aus Licht,
Mein gold’nes Kleid flog außer Sicht

Die Farben flossen fort ins Dunkel, und ich blieb allein.
Doch schaut zurück, seht, was ihr findet!
Das Licht entschwindet wie’s dem Traum gebührt
Die Welt und ich stehn still und hoffen,
Die Augen offen, wie vom Traum verführt.

Was musste Josef nicht alles erleiden. Was lastete da ein Druck auf ihm. Verstoßen, vertrieben von seinen eigenen Brüdern. Hoffnungslos. Und dann sind da diese Träume – was sollen die bloß bedeuten? Und dann verdankt Ägypten diesen Träumen alles. Wohlstand. Überleben. Und ich sehe diesen Josef in seinem bunten Kleid.

Wie passend, dass es jetzt gerade um dieses regenbogenfarbene Kleid geht. Der Regenbogen begleitet auch uns und unseren Alltag gerade sehr. Als Symbol für jene, deren Stimmen nicht für voll genommen werden. Die sich gar nicht erst trauen, ihre Stimmen zu erheben. Wir wollen für Gemeinschaft einstehen. Wir wollen eine Einheit sein. Und ein simples und vereinendes Symbol, ein Regenbogen, bringt Schlimmes ans Licht. Er, der mehr als vieles andere für Vielfalt steht. Für eine Brücke zwischen Regen und Sonne. Für eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, er bringt gerade ans Licht, dass unsere fast perfekt gespielte Einheit gar keine ist? Was stimmt denn da nicht? Wie kann es sein, dass Menschen täglich Erfahrungen mit Diskriminierung machen müssen, sei sie in der Hautfarbe, der Nationalität, der Sexualität oder worin auch immer sonst begründet? Wie kann es sein, dass sich andere darüber erheben und urteilen?

Es ist der Monat der Regenbogen. Pridemonth. Der Monat, der im Zeichen von Diversität und Gleichberechtigung stehen soll. Viele höre ich darüber schimpfen. „Ich habe ja nichts dagegen, aber…“, höre ich. Oder „Muss das denn allgegenwärtig sein? Müssen DIE denn so eine Bühne haben?“  Ich finde JA. Müssen Sie. Weil sie alle Menschen sind. Gottgewollte Menschen. Weil sie oft schon viele Jahre lang mit einer Lüge leben mussten, um ihren Platz in unserer doch so offenen Gesellschaft nicht zu verlieren. Weil sie oft verzweifeln, weil sie mit sich selbst nicht wissen, wohin. Weil es keinen Rat gibt, der einfach anzuwenden wäre und ihr Leben erleichtern könnte. Weil sie einfach Teil unserer Gesellschaft sein sollen und diese ganz offensichtlich noch nicht bereit dafür ist. Und das finde ich schlimm und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich hier in einer so offenen Kirchengemeinde stehen darf. In der jede und jeder willkommen ist, wie er oder sie ist. Das ist nicht selbstverständlich.

Während ich diese Predigt schrieb, lief gerade das Fußballspiel, Deutschland gegen Ungarn, das die Bedeutung des Regenbogens noch einmal sehr mächtig in den Fokus gerückt hat. Vor dem Spiel sind die Diskussionen laut und übel. Ein Stadion, das regenbogenfarbig beleuchtet werden soll. Beleidigungen, Beschimpfungen, Symbole, die jeder für sich selbst so deutet, wie sie gerade in sein Weltbild passen. Fußball hat nicht politisch zu sein. Aber geht es in der Kernaussage dieses Regenbogens wirklich um Politik? Und während sie alle noch diskutieren, ertönt der Pfiff, das Spiel beginnt und der Ball rollt. Auf einmal sind die meisten vereint in fiebrigem Patriotismus. Möge doch das eigene Land Europameister werden. Sieger und Verlierer liegen sich in den Armen, freuen sich gemeinsam, trauern gemeinsam. Fußball vereint in all seiner ihm eigenen Diversität wie nichts anderes. Warum gelingt das nicht auch auf der ganz großen Bühne? Warum gibt es Dinge, die offensichtlich so einschüchternd oder beängstigend auf Menschen wirken, dass sie keine Akzeptanz und erst recht keine Toleranz finden?

Der Predigttext erzählt nun von Josefs Brüdern. Der Vater, vor dem alle gleichermaßen Respekt hatten und der wohl, so liest es sich raus, auch Vermittler zwischen Josef und den Brüdern war, ist tot. Nun haben die Brüder Angst, dass Josef jetzt Rache nehmen könnte. Aber nichts liegt ihm ferner. Josef denkt gar nicht darüber nach, seinen Brüdern Böses anzutun, weil Gott es eben nicht dazu kommen ließ. Weil Gott es gut machte.

Ich lese gerade das Buch eines noch sehr jungen Pfarrers, Gunnar Engel, der in einer kleinen Kirchengemeinde an der dänischen Grenze lebt. Er stellt gleich zu Beginn sehr provokante Fragen. Lebst Du mit einem Glauben, der dich Dinge erleben lässt, wie du sie in der Bibel liest? Lebst Du mit einem Glauben, der dir jeden Tag neu die Allmacht und Liebe Gottes zeigt? Bewegst Du Dich mit der Erwartung durch den Tag, Gott tatsächlich zu begegnen? Egal was kommt? Vertraust Du Gott in den dunklen Tälern Deines Lebens genauso wie in den Höhepunkten? Oder ist Dein Glaube eher eine kleine Garnitur deines eigentlichen Lebens – das Sahnehäubchen auf Deinem Alltag? Oder ist es andersherum: Denkst Du, dass Gott Besseres zu tun hat? Denkst du, dass Du vielleicht erst einiges an Dir ändern müsstest, damit Gott etwas mit Dir anfangen kann? Dass er Wichtigeres zu tun hat, als sich mit Dir abzugeben? Immerhin ist er der Schöpfer und Erhalter des Universums.

Josef vertraut Gott. In dem dunklen Tal des Verlieses, als er die ersten Träume hat. Durch den Druck des Pharaos. Durch die schweren und schwersten Zeiten seines Lebens. Und jetzt, als die Brüder vor ihm stehen und sein Urteil erwarten, auch da vertraut er darauf, dass Gott es gut macht. Er begegnet Gott in der Art, wie er entscheidet, wie er handelt. Er lässt es zu, dass Gott ihn führt.

Wie also kann nun heute ein friedliches Miteinander gelingen? Im Römerbrief steht es so zeitlos passend geschrieben. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist`s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten spricht der Herr. Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

So viel Ermahnung heute. Aber ist es nicht genau auf den Punkt gebracht? Wir wollen Gemeinschaft. Wir brüsten uns an so vielen Stellen damit, dass wir unsere Entscheidungen doch ihm Sinne der Allgemeinheit getroffen haben. Aber geht es nicht oft viel mehr um Macht als um Gemeinschaft? Viel mehr als wir uns eingestehen wollen? Und ist Macht nicht dieses giftige Gefühl, dass nur für einen Atemzug lang Triumph verschafft und dann doch eher als fader Beigeschmack nachwirkt? Das Böse mit Gutem überwinden muss manchmal vielleicht eine Überwindung, ein Sieg über sich selbst sein. Denn, das ist das Wunderbare daran, dass wir Menschen mit diesem Regenbogen an Gefühlen und Verstand und Gedanken ausgestattet sind: Wir sind an jedem einzelnen Tag frei darin, uns neu zu entscheiden. Uns selbst zu hinterfragen. Uns ganz in Gottes Hand zu geben und darauf zu hören, was er uns sagen will. Wo er will, dass wir wirken. Hier bin ich, sende mich. Gott, zeig mir den Platz, den du für mich vorgesehen hast. Hilf mir, mich richtig zu entscheiden.

Wir können innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen. Und urteilen. Moralisch urteilen. Wir glauben dann sehr gut zu wissen, was gut oder verwerflich ist und tun lautstark oder subtil unsere Verachtung kund. Aber niemand von uns ist ohne Fehler. Jeder von uns bedarf immer wieder der Großzügigkeit und Nachsicht anderer. Und einzig Gott ist es, der richten kann. Und darum ermutigt uns Jesus zum Vergeben. Wer in dem Glauben, in dem Bewusstsein lebt, dass Gott ihm barmherzig entgegenkommt, der kann zumindest versuchen, versöhnt zu leben. Wie zum Beispiel Josef, der seinen Brüdern all das Unrecht, das sie ihm angetan haben, verzeiht. Der es in Gottes Hand gibt. Und ich glaube fest daran, dass auch wir das können. Erst nachdenken und dann handeln. Böses mit Gutem überwinden. Unsere Stimme erheben für jene, die das nicht selbst können. Und zeigen, dass wir bereit sind für eine bunte Gesellschaft. Für eine, in der nicht alle immer einer Meinung sein müssen, aber andere Meinungen neben der eigenen akzeptiert werden. Eine, in der der Glaube an den Gott, der alles gut machen kann, wenn wir ihn nur lassen, nicht das Sahnehäubchen im Alltag ist. Sondern eine, in der Gott uns wirklich begegnen darf. In der wir Dinge wie diesen langersehnten gemeinsamen Gottesdienst, den wir mit Gesang und Gemeinschaft füllen und feiern dürfen, genauso mit Gott gemeinsam durchleben, wie die schweren und dunklen Zeiten, in denen er uns nicht verlässt. Jede und jeder von uns ist so wertvoll und so einzigartig. Schauen Sie sich ihren Nachbarn links und rechts an – wir haben uns so lange nicht live gesehen. Jeder und jede von uns ist wunderbar, weil Gott uns so gewollt hat. Und ist es nicht jeder von uns wert, einen Platz zu haben? Sein Glück zu finden? Und zu wissen, dass Gemeinschaft auch bedeutet, dass jemand eine Stimme hat, wenn man selbst gerade keine hat? Dass sich jemand stark macht, wenn man selbst gerade schwach ist und ängstlich? Ist nicht genau das die Nachfolge Jesu, eben nicht vorhersehbar, sondern barmherzig zu handeln? Gott hat uns ein liebendes Herz gegeben. Und das heißt nicht, dass wir immer alles durch die rosarote Brille sehen sollen. Das heißt auch nicht, dass wir einander in die Herzen sehen können, so wie Gott uns in die Herzen sieht. Das heißt aber, dass wir versuchen können – jeden Tag aufs Neue – nicht nur auf das Äußere zu schauen, sondern unseren Nachbarn und sein Tun mit anderen Augen anzusehen. Mit nachsichtigem und barmherzigem Blick. Gott sieht jeden von uns mit unserer Vielfalt und Einzigartigkeit und wir sollten zumindest versuchen, unsere Herzen nicht davor zu verschließen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Bild von Sharon McCutcheon auf Pixabay
Das zitierte Buch ist „Follower – Wie Gott dein Leben verändert, wenn du ihn lässt“ von Gunnar Engel, SCM Verlag

Mama

Heute ist Muttertag und im Internet ist es – wie so oft mit Dingen, die für den Einen etwas Schönes und für den Anderen etwas Schlimmes bedeuten – laut. Um diesen Tag. Darum ob man ihn feiern darf oder nicht. Ob es einen Tag für Mütter geben muss. Ob der Elterntag heißen müsste oder ob er nicht viel schaden anrichtet bei denjenigen, die gern Mutter wären, es aber aus vielen Gründen nicht sind. Und was mit jenen ist, die ein zerrüttetes Verhältnis zur und schlimme Erfahrungen mit der eigenen Mutter haben. Oder mit jenen, die jetzt gerade aktuell aus welchen Gründen auch immer nicht die Mutter sind oder sein können, die sie sollten oder sein wollen. Und all das hat seine Berechtigung und für all diese Dinge sollte es auch einen Tag geben oder zumindest einen Ort, an dem man Hilfe und Gehör findet. Aber für mich ist heute Muttertag.

Ich freue mich unheimlich über die Geschenke, die meine Kinder mir heute gemacht haben. Für den Frühstückstisch, der liebevoll gedeckt war und das ganze Zimmer, das so schön geschmückt war. Darüber, dass sie sich vornehmen, sich heute nicht zu streiten und darüber, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht haben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Ich durfte diese drei Wesen zur Welt bringen. Sie wurden mir kerngesund und quietschfidel geschenkt. Wahnsinn.

Aber das Geschenk meines eigenen Lebens verdanke ich meiner Mama. Sie begleitet mich nun schon – tatsächlich – mein ganzes Leben lang. Von ihr habe ich all die Dinge gelernt, die ich heute an meine eigenen Kinder weitergebe und weitergeben möchte. Meine Mama hat mich durch den ersten und viele weitere Liebeskummer begleitet. Sie war da, wenn sich mein Leben auf vielerlei Weisen komplett umkrempelte. Manchmal wollte ich von ihr lernen, wie man etwas macht und manchmal konnte ich auch erleben, wie man etwas besser nicht macht. Sie findet nicht annähernd alles richtig, was ich tue, und das geht mir andersrum genauso. Und doch ist da immer diese tiefe Liebe, der Respekt und die Freundschaft, die uns verbindet.

Mama – Du hast an mich geglaubt und mir geglaubt, wenn es kein anderer tat. Du hast die abenteuerlichsten Sachen unterstützt. Du hast getobt und gebrüllt ohne auch nur einmal die Hand zu erheben. Du hast bis heute diesen Blick, der mir auch ohne Worte sagt, was du gerade denkst. Du hörst dir an, was ich zu sagen habe und sagst mir, wann ich auch mal nichts zu sagen haben sollte.

Dank Dir stehe ich jetzt hier, wo ich stehe. Mit drei gesunden Kindern an der Hand. Du wärst auch den anderen Weg mit mir gegangen. Hast alle Termine mit mir wahrgenommen. Hast mich begleitet, als ich dachte, das wäre der richtige Weg. Hast mit mir vor Erleichterung geweint, als ich dann doch diese ganz andere Entscheidung für das Leben in mir treffen konnte. Dir verdanke ich, dass ich immer wusste, dass ich meine eigene Entscheidung getroffen habe. Und ich wusste immer, dass Du an meiner Seite sein würdest.

Heute ist Muttertag und ich bin so dankbar, dass ich Dich habe, Mama. Dass Du an meiner Seite bist. Dass ich Dich anrufen kann, wenn ich nicht weiter weiß. Für die Freundschaft, die uns heute auch verbindet. Dafür, dass es mich gibt und meine Geschwister. Dafür, dass es so viel gibt, das wir weitergeben können, auch wenn es so viele Steine auf dem Weg gab.

DANKE