Und jetzt?

Heute kam die E-Mail. Und die Info der Kreisverwaltung. Und Nachrichten im Klassenchat. Und in privaten Chats. Überall stehen die Zeichen auf Normalität. Die Schule geht wieder los. In voller Klassengröße. Jeden Tag.

Der Newsletter vom Kindertheater lädt ab Juni wieder ein. Die Läden öffnen. Sport ist wieder möglich. Nach 22 Uhr das Haus zu verlassen ist wieder erlaubt. Kinos sollen öffnen. Erste Freizeitangebote sind wieder nutzbar. Und gerade heute habe ich diese Schnecke fotografiert, die mir auf der Morgenrunde über den Weg kroch. Ich habe darüber schon in einem anderen Kontext geschrieben, aber jetzt ist sie schon wieder hier, die Schnecke.

Es geht auf einmal so schnell. Wochenlang, monatelang haben wir gewartet, gemeckert, ausgehalten, gezweifelt, geschimpft, gehofft, Mut gemacht, Ängste geteilt, improvisiert, neu erfunden, anders gemacht. Wir wurden vertröstet, enttäuscht, oft nicht Ernst genommen und am Ende dann doch GEIMPFT! Und wenn bisher noch nicht, so denn in Bälde.

Und ich wünsche mir gerade dieses Schneckenhaus. Möchte erstmal abwarten, wie das so ist, wenn man wieder in größerem Radius unterwegs ist. Menschen trifft. Abstände verringert. Wie wird das sein? Werden wir etwas von der Rücksicht, die viele von uns in den letzten Monaten genommen haben, beibehalten? Werden wir abgehängt, wenn wir nicht wieder auf das gleiche Pferd wie früher aufspringen wollen? Werden wir wirklich so schnell wieder vergessen, dass wir doch geplant hatten, an mancher Stelle nicht wieder anzuknüpfen, sondern einen neuen Weg einzuschlagen? Und was ist, WENN wir das tun? Werden dann die anderen den gemeinsamen Weg abbrechen? Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht umkehren. Es gibt kein Zurück. Es ist anders und es bleibt anders. Und ich will eigentlich auch nicht umkehren. Eigentlich. Aber um das herauszufinden, würde ich gern nochmal eine Weile in das Schneckenhaus. Wenn ich einen Großteil der Sorgen und Ängste der vergangenen Monate dort rauskehren kann, könnten ja jetzt endlich die produktiven und guten neuen Gedanken einziehen. Die, die mich weiterbringen sollen.

In meinem Kopf spuken eine Menge Pläne und konkrete Vorstellungen herum. Viele Dinge, die ich gern kurz- oder langfristig umsetzen möchte. Aber so unsortiert. Nächste Woche wird es also still im Haus. Vormittags. An drei Tagen. Ich nehme mir vor, den Computer ausgeschaltet zu lassen. Wirklich nur das Gedankenchaos zu sortieren. Um den Weg wieder zu erkennen. Und damit meine ich nur MEINEN Weg. Wohin mit dem Studium. Welche Weiterbildungen sind sinnvoll. Welche Themen finde ich zwar spannend, aber nicht so sehr, dass ich meine knappe Zeit hineinstecken möchte. Was kann ich ggf. noch später anfangen? Was bringt mich wirklich weiter? Welche Bewerbungen machen schon Sinn, welche nicht. Was möchte ich in meinem zukünftigen Berufsleben tun. Mit wem möchte ich arbeiten. Für wen. Und inwiefern habe ich überhaupt einen Einfluss darauf.

Zwischendurch wird sich mir immer wieder die Frage stellen, warum ich erst so spät angefangen habe, mich endlich auf meinen Weg zu machen. Weil ich halt jetzt schon alt bin. Ich kann nicht mehr so viele Sachen ausprobieren, bevor ich meinen Platz gefunden haben sollte. Vielleicht setze ich mich auch viel zu sehr unter Druck, jetzt nur noch richtige Entscheidungen zu treffen. Und vielleicht bin ich gerade auch schon mitten in diesem Prozess, den ich doch erst nächste Woche anstoßen wollte. Und vielleicht fühle ich mich gerade total unruhig und seltsam.

Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich so schon länger. Ich greife viel zu oft zu meinem Handy. Meine Gedanken lassen sich so schwer fokussieren. Ich bin unkonzentriert. In den Vorlesungen erwische ich mich im Chat mit Kommilitonen oder in der Burger-Braterei auf meinem Smartphone. Ich schaue auf die Uhr auf meinem Handy und checke kurz Social Media auf allen Kanälen, lege das Handy wieder weg, natürlich ohne die Uhrzeit zu wissen. Ich sitze auf dem Sofa nur auf der Kante. Zum Aufspringen bereit. Und morgens komme ich kaum aus dem Bett. Was ist nur los mit mir in letzter Zeit? Rastlos und doch bleischwer. Optimistisch und doch irgendwie gelähmt. Ich habe mich selten so zerrissen gefühlt.

In den vergangenen Wochen war es mehr denn je das Essen, das ich auserkoren hatte, um die Stimme in mir zum Schweigen zu bringen. Und damit natürlich das altbekannte Thema Übergewicht erneut heraufbeschworen. Mein Bruder sagte letzte Woche zu mir: Nimm es hin wie es ist. Du hast so viel um die Ohren, du wirst das jetzt nicht auch noch schaffen. Und dieser kleine Satz hat so viel in mir bewegt. Es war seit langer Zeit ein erstes Mal, dass da kein unterschwelliger Vorwurf war. Kein „du musst aber“. Sondern ein gesehen werden. Danach war mir erstmal zum Weinen. Und so langsam fange ich an, das zu akzeptieren. Das tut gut, irgendwie. Gesehen werden. Und das auch ausgesprochen zu hören. Denn ja, das muss ich mir selbst auch auf die Fahne schreiben, oft sehen wir, sagen aber nichts. Und jetzt werfe ich damit um mich. Mit Anerkennung. Für andere. Die wirklich viel leisten und die darauf auch stolz sein sollen und dürfen. Und ich mache mich damit gar nicht schlechter, nein, ich lerne, dass auch ich manches tue, das Anerkennung verdient. Bei mir selbst ist es eben nur ein viel längerer Prozess…

So, und jetzt habe ich aus dieser kleinen Schnecke wohl alles heraus geholt. Ich würde mich freuen, wenn Du mir schreibst, was Dich gerade so bewegt. Ob es Dir plötzlich auch zu schnell geht? Oder genau im richtigen Moment kommt? Was Du für Pläne hast? Das muss übrigens nicht als Kommentar hier oder in Social Media sein, sondern gern auch ganz privat unter: amelie1ortmann@gmail.com

Lass uns losgehen und herausfinden, wie es so weiter geht. Ich freu mich, dass Du dabei bist!

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