Einfach weiter geradeaus?

Ich habe lange überlegt, ob ich das, was ich hier und heute schreibe, veröffentlichen möchte. Aber es ist mir ein Anliegen und darum findest Du das jetzt hier.

Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass ich hier nur meine ganz persönliche Meinung öffentlich mache. Meine eigenen Beobachtungen. Meine Einschätzung. Mehr nicht. Aber es ist mir wichtig.

Es liegt ein Jahr hinter mir, das entbehrungsreich, lehrreich und auf vielen Ebenen erschreckend war und im Augenblick mehr denn je immer noch ist. Ein Jahr, in dem ich als ohnehin sehr ängstlicher Mensch an viele Grenzen gestoßen bin. Viele davon habe ich sprengen können, andere existieren weiterhin. In meinem Kopf, in meinem Herzen.

Aber seit ein paar Wochen wird mir immer unwohler. Ich spüre, dass sich sehr viel verändert. Die Nachrichten werden bedrohlicher. Sie betreffen nicht mehr die weite Welt irgendwo da draußen, sondern meine kleine Welt hier in meinem beschaulichen Dorf. Ich höre, lese und spüre so viel Unzufriedenheit. Es gibt so wenige Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und in Austausch zu gehen und wenn, ist da so oft so viel Unzufriedenheit, Zorn, Ärger und Trotz. Ich merke, dass ich bei Spaziergängen bewusst anderen Menschen aus dem Weg gehe. Dass ich in Social Media bewusst auf bestimmte Nachrichten nicht mehr antworte. Dass ich mein WhatsApp, mein Tor zu all meinen persönlichen Kontakten, manchmal gar nicht mehr öffnen mag. Überall strömen Nachrichten auf mich ein von Menschen, die an allem zu zweifeln beginnen. An jeder Nachricht. An jeder Maßnahme. An jedem medizinzischen Fakt. An allem, was wir tun können und sollten, um uns und andere zu schützen.

Das macht mir große Sorgen. Ich bin auch kein Fan davon, bestimmte Dinge nicht zu hinterfragen. Ich bin auch niemand, der Dinge tut oder nicht tut, ohne sich seine eigene Meinung zu bilden. Aber ich bin in der Lage, Dinge, von denen ich vielleicht nicht zu 100 % überzeugt bin, zu tun, weil nun einmal eben im Augenblick eine GEMEINSAME Anstrengung von Nöten ist, um eine Situation, die bedrohlicher denn je geworden ist, wieder etwas zu entspannen. Ich bin auch in der Lage zu erkennen, ob bestimmte Nachrichten wirklich mich persönlich betreffen, oder ob ich mir manche Schuhe tatsächlich nicht anziehen muss.

Durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, der mir auf der einen Seite Sorgen bereitet, die momentan in keinem Verhältnis zu den anderen Sorgen stehen, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich meine Kinder selbst betreuen kann. Dass ich das Homeschooling leisten kann. Damit möchte ich mich nicht über andere erheben, sondern einfach nur sagen, dass ich das gerade leisten kann. Und damit sind wir an dem Punkt, wo es schwierig wird. Viele andere können das nicht. Manche aus beruflichen und wieder andere auch aus persönlichen Gründen. Ich bewerte das nicht. Ich sage nur, dass ich es kann und dass ich es als meine Pflicht ansehe, es dann auch einfach zu tun. Ich bin eine von denen, die wirklich zu Hause bleiben kann und es auch tut. Ich verlasse das Haus jeden Tag um mit dem Hund spazieren zu gehen. Oft treffe ich dabei meine Mama oder meine Schwester, noch öfter gehe ich mit meinen Kindern allein. Einmal in der Woche gehe ich einkaufen. Das war es.

Ich lese die Nachrichten, die mich betreffen. Ich beschränke mich mittlerweile auf die Nachrichten aus meinem Kreis, auf zwei Wissenschaftler, denen mein Vertrauen von Beginn an gilt und auf die Tagesschau. Und wenn mir ein Thema zu oberflächlich angerissen ist, weiß ich, wo ich seriöse Informationen finde, die es für mich vertiefend aufbereiten.

Ich bin auch müde. Ich fühle mich so müde, dass ich manchmal nicht einmal mehr sicher bin, ob ich eigentlich noch ich bin. Ich weiß gar nicht mehr richtig, was wir alles so unternommen haben. Wo ich eigentlich als erstes hin möchte, wenn denn… Im Moment kann ich mir das nicht einmal mehr vorstellen. Dadurch das viele ihre Pandemiemüdigkeit durch Ignorieren von Maßnahmen äußern, habe ich das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen, um noch eine Chance zu haben, das Virus nicht in meine Familie zu lassen. Ich lebe unheimlich gerne. Und das Leben, das ich ohnehin wie ein extrem wertvolles Geschenk empfinde, wirkt so zerbrechlich wie nie.

Wenn ich über diese Angst spreche, höre ich oft: „Du hast doch deinen Gott. Wieso hast du überhaupt Angst?“ Tja, wieso habe ich überhaupt Angst. Wo soll ich da anfangen? Ich war schon immer ängstlich. Ich habe oft mein Leben in Gefahr gesehen, wo es das sicher nicht war. Aber ich wollte schon immer einfach unheimlich gerne leben. Ich kann sicher sagen, dass ich keine Angst davor habe, meinem Schöpfer gegenüber zu treten, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber seit dem Tod meiner Schwester ist mir so sehr bewusst, dass es nicht nur um den Sterbenden geht. Es geht auch um die Bleibenden. Der Gedanke, nicht mehr für meine Kinder da sein zu dürfen, bricht mir das Herz. Sie hängen mit all ihrem Vertrauen an mir. All ihre kindliche Liebe gilt mir. Wir reden über den Tod. Ich versuche, ihnen die Angst davor zu nehmen. Aber schlussendlich vermag all mein Glaube, all mein Reden nur die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Nicht aber vor dem Verlust. Vor dem Alleinsein. Vor dem Berg von Leben, der so anders als geplant gelebt werden soll. Darüber können wir nicht reden.

Aber die Gedanken gehen oft dorthin. Seit Monaten denke ich so oft, dass ich meine Kinder nicht so beschützen kann, wie ich mir das wünsche. Ich möchte ihnen so viel mitgeben. Diesen Baum in ihnen pflanzen, der seine Äste und Wurzeln noch lange entwickeln kann.

Und ja, ich fühle mich unendlich ausgeliefert. Alle sind neu in dieser Situation. Alle. Jeder Arzt. Jeder Politiker. Jeder Lehrer. Jeder Vater. Jeder Pfarrer. Jeder Bäcker. Jeder Metzger. Jeder Müllmann. Jeder Friseur. Jeder Schüler. Jeder Sohn. Jeder. Und jeder geht nun einmal anders mit neuen Situationen um. Einer vorsichtig. Einer mutig. Einer testet. Einer wartet erstmal ab. Und davon hänge ich dann ab. Ein Stück weit. Das ist nun einmal unsere Gesellschaft. Unser politisches System. Es kann nicht immer alles glatt und gerade laufen. Ich habe einen kleinen Teil in meiner eigenen Hand. In meiner eigenen Verantwortung. Und manche Situationen bewerte ich eben aus meiner kleinen Blase heraus anders. Emotionaler. Weil sie mein Leben und das meiner Familie betreffen. Und so oft konnte ich mich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen im Sinne einer breiten Allgemeinheit getroffen wurden und werden.

Einen Weg zu beschreiten, der für alle neu ist, von dem niemand weiß, wo genau er hinführt, ist ein Abenteuer auf das ich gern verzichtet hätte. Ich versuche, für mich den Kapitän zu finden. Der, dem ich folgen kann. Der, von dem ich das Gefühl habe, er hat zumindest eine Ahnung. Und – vielleicht ist es ganz heilsam für mich – manchmal bin das eben ich selbst. Wenn die Welt da draußen zu laut, zu unruhig und zu beängstigend wird, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich lerne in diesen Monaten, dass ich das oft kann. Dass ich selbst gar nicht so schlechte Entscheidungen für meine Familie treffe. Dass mein Verstand doch meistens ganz gut funktioniert. Und dass es auch manchmal nicht so schlimm ist, ängstlich zu sein.

Alles dreht sich um die Pandemie. Darum zu überleben. Darum, den Lebensmut und vor allem die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Nach links und rechts zu schauen gibt allerdings in all dem trüben Covid-Gewässer auch nicht die besten Aussichten auf das Danach. Ich lese von einer völkischen Siedlung mitten in Deutschland. Von den Covid-Leugnern, die in Heerscharen über Städte einfallen wie die Heuschrecken und neben Viren auch Angst und Schrecken und Respektlosigkeit verteilen. Von machtbesessenen Politikern, die eine solche Situation als Basis für einen Wahlkampf ausschlachten. Von Menschen, die auf niemanden mehr hören und einfach ihr Ding machen.

In welcher Welt möchten wir denn leben, wenn und falls wir diese Pandemie irgendwie hinter uns bringen? Welche Welt möchten wir unseren Kindern weitergeben? Welche Werte sind uns wichtig? Wo ist der Stolz auf unsere Gesellschaft geblieben? Die Visionen und Pläne? Wir funktionieren doch nur zusammen. Niemand kann das alles allein am Leben halten. Wir funktionieren nicht nebeneinander her. Wir alle brauchen einander. Wir brauchen Mediziner, die Zeit für Patienten, für Therapieüberlegungen und dann entsprechende Kapazitäten haben. Wir brauchen Lehrer, deren Fokus auf der Zukunft unserer Kinder liegt. Wir brauchen Handwerker, die sich auf ihr Handwerk konzentrieren und in ihrem Bereich unersetzbar wichtig sind. Wir brauchen Eltern, Kinder und Großeltern, die gemeinsam an diesem schützenswerten und so fragilen Lebenskonstrukt arbeiten dürfen. Wir brauchen Politiker, die mit Weitsicht Entscheidungen treffen, zu denen ihnen die unglaublich wichtige Expertise von Experten verholfen hat. Wir brauchen Polizisten, die den nötigen Respekt bekommen. Wir brauchen Visionen.

Ich weiß, dass das jetzt sehr blauäugig klingt. Wie ein Bilderbuch. Aber wenn ich nach diesem meinem Gott gefragt werde und wo er denn eigentlich ist, dann möchte ich gern sagen: In mir. Und in dir. Denn er hat uns nicht nur diese Welt geschenkt, sondern auch den Verstand. Mit dem wir in der Lage sein sollten, aus ausweglosen Situationen heraus zu kommen. Mit seiner Hilfe. Mit meiner Vision. Und mit diesem unglaublich großen Lebenswillen und dieser Dankbarkeit für mein Leben.

Und als letzten Satz möchte ich noch anführen, dass ich mit jeder Personenbezeichnung immer m/w/d meine. Es fällt mir nur schwer, es in einen Fließtext vernünftig lesbar einzusetzen. Seht es mir nach. Es wäre schön, wenn sich alle angesprochen fühlen, die das möchten.

Von Stufen und Fasten

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dieses Gedicht Hermann Hesses fesselt mich schon seit Langem. Es wird so oft nur diese eine Zeile zitiert: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Manchmal reicht diese Zeile aus, damit ich mich schlecht fühle, wenn ich einem neuen Anfang eben nichts Gutes abgewinnen kann. Manchmal spornt sie mich an, den Neuanfang so zu betrachten, dass ich vielleicht doch etwas Gutes finden kann. Aber manchmal brauche ich dann den ganzen Text. Und für mich persönlich passt er gerade jetzt ganz wunderbar in die Fastenzeit.

Wir leben seit über einem Jahr mit Covid19. Einem Jahr voller Entbehrungen, Verzicht, Angst und Sorge. Einem Jahr, in dem wir an Grenzen gestoßen sind. Vieles neu machen mussten. Anders denken mussten. Wir waren und sind alle allein mit einer Situation, in der wir niemanden um Rat fragen können. Experten, die unterschiedlicher Meinung waren und sind. Unterschiedlichste Ansätze. Verschiedenste Vorschläge. Jeder für sich musste und muss entscheiden, wem er Vertrauen schenkt. Hatespeech im Netz, Demonstrationen für oder gegen – Hauptsache laut werden. Ein Jahr, das wir still wie nie und doch ungewöhnlich laut verbringen mussten. Ein Jahr, das so sehr gezeigt hat, dass viele von uns gewohnt sind, mit dem Strom zu schwimmen. Sich nicht eigenverantwortlich durch die Flut von Informationen wühlen können oder wollen; nicht allein herausfinden möchten, was vertrauenswürdig ist und was nicht.

Und dann auch noch fasten? Ja. Ich ganz persönlich finde, dass es dringend nötig ist. Ich jammere über Entbehrungen. Ich klage darüber, dass mein Leben doch so schön war und es jetzt nicht mehr ist. Und ich finde, es ist an der Zeit, mir bewusst zu machen, was ich eigentlich alles habe. Wofür ich jeden Tag dankbar sein kann. Bewusst auf Dinge zu verzichten, die mich ganz persönlich aus meiner Wohlfühlzone locken. Ich lebe jeden Tag so selbstverständlich auf dieser Erde, die so liebevoll geschaffen wurde. Lebe dieses Leben, das so einzigartig und so vergänglich ist, oft so nebenher. Bin mir meiner Einzigartigkeit oft gar nicht bewusst. Im Gegenteil. Hier passt mir etwas nicht und dort – viel zu schnell passe ich mich auch hier an Dinge an, die gemeinhin als Schönheitsideal angesehen werden und vergesse, dass es einen Sinn hat, dass ich bin WER ich bin und WIE ich bin. Und dafür möchte ich mir die Zeit nehmen. Ich möchte die Verbindung zu dem, der mich geschaffen hat, vertiefen. Wieder finden. Ich möchte Dinge bewusst tun oder nicht tun. Ich möchte sie verlassen, diese meine jammernde Komfortzone. Mich wieder finden und mit dem mir geschenkten Verstand das tun, wofür ich hier bin.

Und so bin ich dann bereit zum Neuanfange. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…