Schluss mit hätte, könnte, müsste…

Dafür ist einfach keine Zeit mehr! Wir müssen JETZT handeln. Wir müssen JETZT reagieren. JETZT Vorbild sein und JETZT die Richtung bestimmen.

Seit längerer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, was genau meine Aufgabe im Kampf gegen die Klimakrise ist. Wie ich zur Bewahrung der Schöpfung beitragen kann und will. Wo ich meinen Beitrag leisten kann, diese Erde auch für meine Kinder zu bewahren, zu erhalten.

Vor einigen Wochen habe ich diesen Test gemacht, wie groß wohl mein ökologischer Fußabdruck ist. Kennst Du das, wenn Du plötzlich in einem Buch etwas Beängstigendes oder Erschreckendes liest und Dein erster Impuls darin besteht, die Seite zuzuschlagen? So ging es mir in dem Moment. Uff, dachte ich. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Seitdem rattert es in mir, ohne dass ich groß mit jemandem darüber gesprochen habe. Denn jede Änderung betrifft mich nicht als Einzelperson – meine ganze Familie hängt ja mit dran.

Wie könnten wir uns ernährungstechnisch anders aufstellen? Wo könnten wir Wege mit dem Auto sparen? Wo könnten wir nachhaltiger einkaufen? Was könnten wir hier zu Hause verbessern? Und was davon können wir uns rein praktisch finanziell überhaupt leisten?

Immer, wenn die Gedanken zu konkret wurden, habe ich sie wieder ein paar Tage weiter vor mir hergeschoben. Diese Pandemie hat ja schließlich lautstark gefordert, dass ich alles mögliche über das Internet bestelle. Dass ich uns alle mit gutem und reichhaltigem Essen belohne, wo schon nichts anderes möglich war. Oder war das doch wieder nur mein Kopf?

Tja, und jetzt ist Juli. Die katastrophalen Bilder von diesen Wassermassen bleiben im Kopf und im Herzen. Was kann ich jetzt aktiv tun? Beten. Ja, das tue ich. Aber mit welchem Inhalt soll ich mich eigentlich an Gott wenden? Was erwarte ich denn jetzt von ihm? Ich helfe nach Kräften mit, den Karren vor die Wand zu fahren und er soll es jetzt richten? Nein, das kann wohl kaum mein Weg sein. Aber ich bitte ihn darum, mir Besonnenheit zu schenken. Und mir zu helfen, mich richtungweisend auf den Weg zu machen. Ich bete für all die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Die vor dem Nichts stehen. Die Angehörige verloren haben. Denen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht. Ich bin demütig. Dieses Mal hat es mich nicht getroffen. Aber dieses sonst so erfüllende, warme Gefühl der Dankbarkeit möchte ich mir nicht gestatten. Nicht auf dem Rücken so vieler anderer. Ich möchte so gerne JETZT etwas tun und fühle mich so hilflos.

Die Bundestagswahl, die als irgendwie richtungweisend vor der Tür steht, bereitet mir mehr Kopfzerbrechen, als jemals eine Wahl zuvor. Auch hier habe ich eine Verantwortung. Eine klitzekleine, aber sie lastet so schwer auf meinen Schultern, weil es für mich gerade nicht DIE Entscheidung gibt. Es erschreckt mich, aber ich traue das niemandem der aktuell gegeneinander kämpfenden Parteien und Kandidaten zu. Niemandem. Und jetzt?

Schon wieder ein Fragezeichen. Wo also fange ich jetzt an? Gestern Abend habe ich den sehr emotionalen Beitrag bei Maybrit Illner von Eckart von Hirschhausen gesehen. Das hat mich bis ins Mark ergriffen. Ja, er hat Recht, wir müssen JETZT was tun und wir werden es nur GEMEINSAM schaffen. Wie aber schafft man Gemeinsamkeit, wenn doch so viele hier gerade dabei sind, sich selbst abzuschaffen? Deren offensichtlich einziger Lebensinhalt aus Widerstand besteht? Covid19 – gibts nicht! Impfung – brauchen wir nicht! Klimakrise – ihr habt doch nen Knall!

Es geht schon lange nicht mehr darum, wer der Gute in diesem Spiel ist und wer der Schlechte. Und auch nicht darum, dass sich Wenige über Viele erheben. Es geht um die Erhaltung unserer Lebensgrundlage. Wenn wir diese nicht erhalten, sind Gut und Böse nämlich in absehbarer Kürze egal. Verpufft.

Unser Leben ist kaum ein Atemhauch in der Geschichte der Welt und doch richtet er so viel Schaden an. Warum schaffen wir es nicht, all diese Fähigkeiten in Gutes zu verwandeln? Und warum verschließen wir die Augen einfach vor dem, was sich gerade vor unserer Nase abspielt? Ich habe dieses Bild für den Beitrag ausgewählt, weil er so beeindruckend zeigt, worüber wir sprechen. Viel Wasser. Viel Himmel, wenig Land dazwischen. Nicht einmal ein Drittel des Bildausschnitts. Und doch so unglaublich bedeutend.

Letzte Woche war ich zum ersten Mal seit über einem Jahr in der Stadt. In Köln. Es war relativ voll. Die Masken spielten nur noch eine begleitende Rolle – lästiges Übel in den Geschäften. Enge, die früher ganz normal war, fühlte sich nicht gut an. Und das nicht nur wegen dieses Virus, sondern einfach, weil da plötzlich viel mehr Misstrauen ist. Wer ist eigentlich mein Gegenüber? Mit welcher Weltanschauung geht er so durch die Welt? Und ich? In der Altstadt pöbelte mich ein Mann an. Ein ungepflegter Mann. Auf einem Niveau weit unterhalb der Gürtellinie. Und ich stand da und wusste nichts zu erwidern. Lange habe ich so etwas nicht erlebt. Und dann stand ich da mit meinem Studium. Soziale Arbeit studiere ich und habe nichts zu erwidern? Das Leben lässt keinen Raum für lange Vorbereitungen. Es passiert JETZT. Und wenn ich jetzt nichts erwidern kann, lasse ich Chancen verstreichen. Chancen, die für meine Kindern wichtig sind. Für mein Leben. Für unsere Erde. Unsere einzige Erde.

Die Kunst der kleinen Schritte – Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) hat dieses Gebet vor so vielen Jahren bereits geschrieben und ich finde es gerade so unglaublich passend:

„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin. Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung, schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuß. Laß mich erkennen, daß Träume alleine nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen. Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt. Ich weiß, daß sich viele Probleme dadurch lösen lassen, daß man nichts tut. Gib, daß ich warten kann. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“

Und so gehe ich jetzt los. In kleinen Schritten nach vorn, aber nicht wieder zurück. Mit Rückschlägen. Mit Sorgen oder Zweifeln, aber weiter vorwärts. Und am liebsten wäre mir, Du würdest mitgehen. Und Du auch. Und mir helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Zu erkennen, wo ich strauchle. Meine Kraft soll Deine sein. Damit wir gemeinsam JETZT das Richtige tun können. Miteinander. Füreinander.