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Das Bild ist schon vor ein paar Tagen entstanden. Es war einer der letzten Abende, die uns diese wunderschönen Himmelsbilder geschenkt haben. Ich mag diesen Blick in die Weite und ich liebe Sonnenuntergänge. Weil ich mit großer Zuversicht daran glaube, dass die Sonne immer wieder aufgeht. Immer wieder.

Die hat in den letzten Wochen ziemlich gelitten. Diese Zuversicht. Wir leben seit 20 Monaten mit dieser Pandemie. 20 Monate. Wenn ich mir überlege, wieviel ein neugeborenes Kind in 20 Monaten lernt. Wie viel ich in 20 Monaten Studium gelernt habe. Wieviel Wissen man sich in 20 Monaten aneignen kann. Oder eben auch nicht.

Ja, ich habe 20 Monate weiter studiert. Ich habe einen Job verloren und einen neuen gefunden. Ich habe viel Neues gelernt, bin mit einigen Menschen viel näher zusammen gerückt und habe andere gehen lassen. Ich habe sehr viel gelesen. Nachrichten. Studien. Berichte. Länderübergreifendes. Dinge, die mein Herz berührt und nachhaltig verändert haben. Dinge, die mich fassungslos gemacht haben. Dinge, die ganz unwichtig meinen Speicher gleich wieder verlassen haben. Aber vor allem Dinge, die mit entsprechendem Vorwissen total Vorhersehbar waren.

Und heute sitze ich hier. Ich habe meinen ersten PCR-Test gemacht. Nach 20 Monaten. Ich habe alles getan um mich und meine Familie zu schützen. Alles. Ich bin in manch einer Situation über mich hinausgewachsen und in anderen schier verzweifelt. Ich habe weitergemacht und Mut gemacht. Angst gehabt und so viel ausgehalten. Der PCR-Test ist nur eins von vielen ersten Malen der vergangenen 20 Monate. Wie oft schon haben wir auf ein solches Ergebnis gewartet? Und ein paar Mal ist er bei nahen Familienangehörigen plötzlich positiv gewesen. Nah und näher. Oft und öfter.

Es ist immer mehr von Spaltung der Gesellschaft die Rede. Von ungerechter Unterteilung in Geimpfte und Ungeimpfte. Von verhärteten Fronten. Von Gesetzen und Pflichten. Von Versäumnissen. Von Enttäuschungen. Jeder ist von jedem enttäuscht. Jeder hat Meinung und zwar sehr viel. Ich möchte eigentlich gern von diesem Gefühl des Alleingelassenseins schreiben. Diese Pandemie hat an so vielen Stellen so hässliche Fratzen zum Vorschein gebracht. Verzweifelte Versuche, die kläglich gescheitert sind. Aus denen man hätte lernen können.

Ich frage mich, was von mir selbst eigentlich übrig geblieben ist. Wer war ich vorher und wer bin ich jetzt? Fakt ist: Ich bin nicht mehr die selbe. Wie sollte ich auch. Ich erlebe, wie sich meine Kinder verändern. Meine Familie. Menschen, die mir nahe stehen. Wie viel Vertrautes plötzlich fremd ist und sich falsch anfühlt. Ich möchte mit jemandem reden. Ich möchte Antworten. Auf so viele Fragen. Aber jeder, dem ich sie stelle, hat seine eigenen Fragen. Wir können versuchen, aus unseren gesammelten Fragen selbst Antworten zu konstruieren, aber höre ich dann die gleichen Antworten wie du? Oder ist das schon eins der großen Probleme?

Alleingelassen mit so vielen Fragen. Und mit so vielen Baustellen. Ich möchte aufräumen, aber das geht nicht. Noch nicht. Denn meine Baustellen sind nicht akut genug, dass ich mich erdreisten würde, sie jetzt gerade jemand anderem aufzudrücken, der vielleicht viele wirklich akute Dinge tragen muss.

Ich möchte nicht engstirnig werden und andere aus dem Blick verlieren, aber ich möchte Handwerkszeug zum Schutz meiner Lieben.

Ich möchte nicht verurteilen, aber ich merke, wie dünn das Fell geworden ist.

Ich möchte nicht in Schubladen denken, aber offene Regale kann ich offensichtlich gerade nicht ertragen. Und manche Schublade möchte ich echt mit Schmackes zuknallen.

Ich möchte nicht ungerecht sein, aber ich hänge gerade auch fest auf meiner durch viel Lesen und Hören basierenden aktuellen Meinung zu manchen Themen.

Ich möchte mich selbst nicht ausschließen, aber ich kann auch oft nicht mehr über meinen Schatten springen.

Ich möchte vor Freude durch das Leben hüpfen, wie noch vor 21 Monaten, aber es reicht nicht mehr zum Hüpfen.

Ich möchte den Sonnenuntergang wieder in dem Wissen um den nächsten Sonnenaufgang ansehen, aber tatsächlich frage ich mich an jedem Abend, wie es weitergehen wird.

Ich schaue mir jeden Tag die aktuellen Zahlen an. Es ist wie der Wetterbericht geworden. Aber ich will nicht die Zahlen lesen, sondern an die Menschen denken. Die Zahlen sind einfach zu groß, zu unvorstellbar. Zu oft erwische ich mich in diesen Zahlen. Und wieviele andere Menschen stehen hinter jeder einzelnen dieser Zahlen? Es ist so unwirklich. So unvorstellbar. Und an so vielen Stellen leider auch so überflüssig.

Ich möchte einfach weiter an der Aufklärung mitarbeiten in dem Rahmen, in dem ich es kann, aber ich bin Anfeindungen und blöde Kommentare so leid. Und ich bin in diesen Diskussionen ein verschwindend kleines Licht. Keinen interessiert es, wenn ich einfach nichts mehr dazu sage. Aber das kann ich auch nicht.

Ich möchte mich voller Elan und Lebensfreude in meine Aufgaben stürzen, aber ich muss mich dauernd fragen, ob das geht, ohne die, die mir anvertraut sind, zu gefährden.

Ich möchte in all dem Chaos eine Hirtin sein, die auf dem Feld den Stern entdeckt und ihm folgen kann. Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so sehr Weihnachten in meinem Herzen brauchte, wie aktuell. Licht. Hoffnung. Zuversicht. Vertrauen.

Der Advent soll mich dort wieder hinführen – aber kann das gelingen? Mir? Und uns? Heißt das, ich muss all das Schreckliche, was um uns herum gerade passiert, annehmen, akzeptieren und darüber Weihnachten decken? Nein, das wird nicht gehen. Aber Weihnachten neu und anders entdecken. Das kann ich versuchen. Der Weg der Hirten ist gelenkt vom Stern. Geleitet von Engeln. Sie erkennen in diesem kleinen Kind in der Krippe den Heiland. Den Retter der Welt. Unserer Welt. Die uns anvertraut ist. Die es zu bewahren und zu erhalten gilt. Und das darf auch mir der Ansporn sein, nicht müde zu werden. Weiterzumachen. Bewahre, was dir anvertraut. Und ja, das werde ich. Mit allem, was mir dazu gegeben ist. Nachfolgen. Auch das werde ich. Vielleicht nicht auf dem Weg, den viele andere für den Richtigen halten, aber auf meinem. Denn ob es DEN richtigen Weg gegeben hätte, werde ich erst eines hoffentlich noch sehr fernen Tages erfahren…

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