Dieser eine Tag im Jahr…

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Einen Tag am Meer habe ich mir vorgestellt. Du und ich und all die Themen der letzten 13 Jahre. 13 Jahre ohne Dich. 13 Jahre, in denen alles immer wieder anders werden musste. Machen wir einen Strandspaziergang. Du hast das Meer doch auch geliebt. Und ich könnte eine Auszeit gerade gut gebrauchen. Aber so einfach ist das nicht. Nicht mehr. Nicht Meer.

Denn ich bin hier und Du nicht. Obwohl Du eigentlich immer hier bist, egal was ich tue. Fragt jemand nach meinen Geschwistern, sind wir vier, obwohl irgendwie nur noch drei, aber eigentlich auch egal. Für den Fragenden ist es nur eine Frage, für mich nicht.

Alles dreht sich um Frösche, seit Du weg bist. Wir haben sie irgendwie immer mit Dir in Verbindung gebracht. Waren sie Deine Lieblingstiere? Woher kommt die Verbindung? Ich weiß es nicht. Aber sehe ich einen Frosch, bist da Du. Verrückt, oder? Dieses Jahr habe ich für diesen Tag heute lauter kleine Troststeine gebastelt. Und rate, was drauf sitzt? Natürlich Frösche. Völlig verrückt, oder?

Gehe ich irgendwo über eine Kirmes oder fliegt irgendwo ein Luftballon oder direkt ganz viele, denke ich an Dich. Seit 13 Jahren fliegen sie an diesem Tag hoch zu Dir. Heliumgefülltes Gummizeug als bunter Gruß an Dich. Steigen auf Hochzeiten Ballons, schicke ich Dir einen stillen Gruß mit. Verliert ein Kind seinen Ballon aus der Hand und weint denke ich: „Ist nicht schlimm, der fliegt zu Katha.“ Ballons also auch. Nochmal verrückt, hm?

Kerzen – in der Stille einer Kirche angezündet oder einfach zu Hause… keine Ahnung, aber jedes Mal denke ich, es ist auch ein Licht für Dich. Der Geruch der Streichhölzer oder nach dem Auspusten der Kerzen – all das bist Du.

Manches ist irgendwie unbewusster geworden. Aber immer wenn ich hier sitze und für Dich schreibe, oder für mich, oder über diese Trauer oder über das veränderte Leben… erst dann merke ich, wie oft Du doch Teil meiner Gedanken bleibst. Meines Lebens. Wie viel Katha noch da ist. In allem.

Oft habe ich Angst, Dich zu vergessen. Dann erschrecke ich, wenn ich nicht mehr weiß, wie Deine Stimme klingt. Oder wir uns uneinig darüber sind, wie Du wohl über manches gerade denken würdest. Und dann wird mir bewusst, dass jeder von uns seine eigene Erinnerung hat. Dass jeder von uns das für sich bewahrt, was sein ganz eigener Schatz ist. Dass auch die schlechteren Erinnerungen dazu gehören, und dass diese Mischung aus Trauer, Schmerz und Vergangenheit auch ein guter Weichzeichner ist. Schlimmes ist nicht mehr ganz so schlimm. Schönes strahlt ein bisschen mehr. Und Du lebst so ein bisschen intensiver weiter in uns.

Ein Bekannter nannte diese Art von – wie soll ich sie nennen – gläubiger Trauer mal „Vorfreude“. Trauer im Glauben an Jesus Christus und an seine Auferstehung, die Verheißung, dass auch wir das ewige Leben haben werden als Vorfreude? Ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist. Hoffnung – ja. Sehnsucht – ja. Aber kann man sich auf etwas dermaßen Unbekanntes freuen? Das sind die Dinge, in denen ich mich verlieren kann. Solche Gedanken. Wortspiele. Bruchstücke von Sätzen, die mich tagelang, wochenlang bewegen. Und die ich dann doch nicht so klar aufs Papier bringen kann.

Wie ist das überhaupt, wenn man dann wieder aufeinander trifft? Ich, mit diesem weichgezeichneten Bild von Dir, dieser Erwartung, dass uns pure Liebe verbindet und nicht all der Mist, der so oft zwischen uns stand? Und wie stehst Du dann dort? Mit dem Bild, dass Du Dir von da oben aus von mir und meinem Leben gemacht hast? Mit all dem, was ich heute bin? Oder mit all dem von damals? Und wie kindisch ist es überhaupt, sich darüber Gedanken zu machen? Ich weiß es nicht. Heute so wenig wie damals.

Dieses Jahr ist irgendwie alles seltsam. Wochenlang wabert dieser Termin vor dem inneren Auge herum. Irgendwann fragt dann einer: „Was machen wir denn an Kathas Todestag?“ Dann gibt es so Orgasachen. Wer kümmert sich um die Ballons? Gehen wir irgendwo was essen oder treffen wir uns bei einem von uns? Und dann sind da noch die individuellen Dinge. Fotos, die nochmal intensiver durchgeschaut werden. Steine werden bemalt. Tagebuch geschrieben. Oder Briefe. Es wird gebastelt und erinnert. Nur erinnere ich heute immer diese schrecklichen, diese immer noch so irrationalen Stunden. Immer noch gibt es Dinge, die ich ganz neu erfahre. Menschen, die ihre Erinnerung an diesen Tag teilen, was ich vorher noch nicht wusste. Immer und immer wieder fühlt es sich so an, als sei es gerade erst geschehen.

Komisch oder? Dass ich den Tod alter Menschen, schwerst kranker Menschen – natürlich traurig und oft mit dieser Frage nach Fairness und Gerechtigkeit – viel besser akzeptieren kann, als Deinen Tod. Du warst, Du bist meine kleine Schwester. Keiner von uns hatte die Chance, auf Dich aufzupassen oder sich wirklich zu verabschieden. Keiner von uns konnte bei Dir sein.

Und das werde ich diesem Menschen, diesem, der da mal Dein Freund gewesen ist, nie, nie, niemals in meinem Leben verzeihen können. All das wofür? Ich werde das nie verstehen.

Es bringt Dich nicht zurück. Ich weiß. Und so oft ich auch dieses „Vater Unser“ bete und so sehr ich auch alles in den Satz „…wie auch wir vergeben unsern Schuldigern…“ lege: ich kann es nicht.

Und daher kommt diese Frage oben: Do you see what I see? Wie siehst Du das alles und uns alle von da oben? Und ist es nicht am Ende vielleicht doch eine Vorfreude auf all die Antworten, die am Ende (oder am Anfang) da sein werden?

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